Daniela Ehemann

 

Lines Fiction: Du verbindest deinen minimalen Zeichenstil mit Skulptur und Architekturthemen, ebenso wie mit Video und Lebensgeschichten…

Daniela Ehemann: Als ich ein Kind war sind meine Eltern viel umgezogen. An jedem neuen Ort, in jeder neuen Umgebung wurde ich mit einem anderen Umraum konfrontiert. Ich entwickelte ziemlich früh ein Gefühl für solche Situationen, und ich begann, Raum und Identität in Beziehung zu setzen. In meinem künstlerischen Werdegang entwickelte ich so den minimalen Stil, wie du ihn nennst.
Beim Umgang mit meinen Themen setze ich in meiner künstlerischen Arbeit multiple Medien ein. Aber im Grunde konzentriert sich meine Praxis auf Zeichnung und Installation in Hinsicht auf Zeit als die 4. Dimension, die für mich eine große Rolle spielt. Zeit im Zusammenhang mit zeitbasierten Medien, ihrer Möglichkeit, den Zeitfluss und Veränderungen wahrzunnehmen. In meinen Installationen arbeite ich mit Schatten und versuche den physikalischen und den konzeptuellen Raum, den das Werk einnimmt, neu zu ordnen.

Lines Fiction: …und in ‚Missing Link‘ betrittst du Wohnungen von vermissten Personen, um zu zeichnen?

Daniela Ehemann: Ja für mein Projekt ‚Missing Link‘ bin ich in Wohnungen von vermissten Personen gegangen, um zu zeichnen, ich bekam die Erlaubnis dazu von der Polizei. Unglaublich, dass rund 1400 Personen jedes Jahr vermisst werden, und das alleine in Berlin.
In diesem Projekt habe ich mich auf die Suche nach einer Identität gemacht, von der ich annahm, dass sie sich direkt oder indirekt in den Hinterlassenschaften der vermissten Person spiegeln würde. Ich analysierte zeichnerisch, was mir da begegnete, wie eine offene Schublade oder eine benutzte Tasse auf dem Küchentisch, um herauszufinden, wer die Person ist und warum sie verschwunden ist. Am Ende musste ich mit der Einsicht fertig werden, dass die Vorstellung einer Identität immer gesäumt wird von Wahrheit und Irrtum, wie von Realität und Fiktion.
In diesem Projekt übersetzte ich meine gezeichneten Umrisse in skulpturale Objekte für eine Installation.

Lines Fiction: In deinem Film ‚Home‘ befragst du Bewohner aus Lichtenberg in Berlin über ihr Wohnumfeld. Du benutzt einen sehr spröden Zeichenstil, um die Stimmen zu begleiten. Wie siehst du Zeichnung und Animation im Kontext deiner künstlerischen Arbeit?

Daniela Ehemann: Animation ist für mich eine weitere Zeitkapsel in Referenz zu Video und Film als zeitbasierte Medien. Ähnlich wie beim Zeichnen auf Papier bewegt sich die Linie Stück für Stück im Raum, um Wirklichkeit anzunehmen. Wirklichkeit ist hier verbunden mit der Idee von Heimat. In der Zeichnung wird das symbolisiert durch die simple Form des ‚Nikolaushaus‘, ein Kinderspiel, in dem ein Haus mit nur 8 Linien gezeichnet wird, ohne eine Linie zweimal zu ziehen.
Die Interviews mit den Bewohnern der ‚Plattenbauten‘ in Lichtenberg, Berlin, verbinden deren persönliche Suche nach dem perfekten Heim mit der Ära der Moderne, als das Pure und Funktionale das Ideal eines Hauses ausmachte.
Das Einfache der Präsentation, die stockende Bewegung, die pure Unbeholfenheit, all das zeigt sich im einfachen Prozess einer Zeichnung, und es geht zurück zu den Ursprüngen einer Bild-für-Bild-Animation. ‚Home‘ wird zum absurden Spiel mit der Idee von Heimat.

Home, 2014
5:02 min., Sound

Animation in großer Auflösung (Flash)
Animation in high resolution (Flash)

Animation für iPhone, iPad
Animation for mobile devices

daniela ehemann

Home,  Anmiation, Screenshot 5min 3 sec, Berlin, 2014

 

daniela ehemann

Missing | link, Installation, Stahl, Handtuch,Fotografien vermisster Personen, Object trouves, Kohle-, Licht- Schattenzeichnung,Galerie Jarmuschek und Partner, Berlin, 2004/5

 

daniela ehemann

Walking on the edge of the visible , Installation, raumfüllende schiefe Ebene, Holz, Stahl, Kohle,- Licht,- und Schattenzeichnung, 350 cm x 700 cm x 450 cm Galerie Jarmuschek und Partner Berlin, 2010

 

daniela ehemann

Standing at the still point of the turning world (Villa Tugenthat) Mdf - Platten, Stahl, Kohle-, Licht- Schattenzeichnung, Museum Haus der Kunst , Brünn, Tschechien, 2011