Juliane Ebner

 

Lines Fiction: Deine Animationen haben einen biografischen Hintergrund, du zeigst, wie deine persönlich erlebten Geschichten in die Geschichte der deutschen Teilung eingebettet sind, dich beschäftigen die Umbrüche vor 25 Jahren. Dabei ist der tragische Tod deiner Schwester ein weiterer Bruch im Umbruch der Zeiten.

Juliane Ebner: Das Glück des Niedergangs der Gesellschaftsordnung, in die ich hinein geboren wurde, das ist eine großartige und absolut prägende Erfahrung für mich, die seit 1989 ihren Zauber und ihre Kraft nicht verliert.
Das Besondere für unsere Generation ist doch, dass wir mit unseren Biografien im Fokus der Weltgeschichte waren und vor 25 Jahren etwas sehr Radikales auf vergleichsweise angenehme Weise erlebten, ein Weltgeschehen, das bei Umbrüchen ja durchaus zerstörerisch verlaufen kann.
Und darum geht es mir letztlich in meiner Trilogie „Klack“ zur Neueren Deutschen Geschichte. Da erzähle ich von meiner Kindheit und Jugend und unversehens handelt es sich um die Geschichte unseres Landes. „Knallerbsenbusch“, den ich 2012 machte, handelt von Kindheit in der Diktatur, „Alles Offen“ von der bedeutenden Phase, dem Moment vor dem Mauerfall, der diesen herbeiführte.

Meine Schwester Käthe war ja Anfang der Neunziger Jahre selbst junge Künstlerin. Und ihr Tod durch die schlecht gesicherte Last eines Baukrans, als Passantin einer der halbkriminellen Nachwende-baustellen in der Friedrichstraße, ist ein Bild wie man es sich nicht ausdenken kann. Ein Bild für die radikale Verwandlung, die unsere Welt in dieser Zeit erfuhr, als das Leben sich veränderte, bis hin zur Auflösung. „In der Mitte ein Loch“ heißt der Film von 2014, der die Friedrichstraße, die Mitte Berlins also, und somit auch die Mitte Deutschlands in seiner Wandlung und letztlich Kontinuität des toten Platzes porträtiert.
So erzählt meine Trilogie „Klack“ vom Leben vor, während und nach dem Fall der Mauer, die unsere Länder trennte. Und natürlich sind wir es, die genau diese Geschichten zu erzählen haben.

Lines Fiction: In deinen Animationen gehen Geschichten und Bilder eine besondere Verbindungen ein, wobei die Bilder ganz eigenständig sind und assoziative Fährten zur Erzählung legen. Wie entwickelst du die Komposition deiner Bild – und Textspuren?

Juliane Ebner: Ja, tatsächlich mache ich meine Filme nicht in erster Linie um ihrer selbst willen, also um den Prozess zu genießen und erlebbar zu machen und die Animation als solche zu thematisieren. Sondern da ist am Anfang immer etwas, das mich beschäftigt, eine Situation, die ich beschreiben will, und das Medium Animationsfilm funktioniert da für mich wunderbar um dem nachzugehen. Das ist am Anfang nicht wirklich eine schlüssige Geschichte sondern eher ein Bild, ein Moment, um den es geht.
Dazu entstehen viele Tuschezeichnungen auf Karton und außerdem ein Text, der langsam entsteht. Zeichnungen und Text werden also gleichzeitig entwickelt, und alle Zeichnungen betrachte ich als eigenständige Arbeiten und zum Thema gehörig, auch wenn nie alle am Ende in den Film finden, dazu sind es immer zu viele. Irgendwann habe ich dann das Gefühl mich der Sache intensiv genähert zu haben, ein Text ist da und ich beginne mit dem Animieren. Dafür übertrage ich meine Tuschezeichnungen auf Folien, die ich dann verwandle und überlagere und dabei mit einer Kamera fotografiere. Eine Black Box verwende ich nicht, denn sich ändernde Lichtverhältnisse und Spiegelungen beabsichtige ich, und ich liebe die so entstehende Super 8- Anmutung. Ich arbeite ohne Schnitt und möchte möglichst dicht am Malprozess bleiben und den Verlauf der Bildfindung offen legen. Den Verlauf meines Filmes plane ich also vor, aber letztlich entwickelt er sich dann während der Animation. Den Text, der zu den jeweiligen Bildern erscheinen wird, habe ich beim Animieren im Kopf. Dazu spreche ich ihn vorab viel, um mich mit seinem zeitlichen Ablauf vertraut zu machen und ein Gefühl für die Dauer der Szenen zu haben.
Die Tonspur entsteht, wenn ich den Film fertig habe. Dabei arbeite ich, genau wie im Bildbereich, auch mit Überlagerung im Klang. So spreche ich den Text auf den Film. Ja, und am Ende ist er dann da, der Film, und wie bei einem Bild ist er mir gleichermaßen vertraut und neu, wenn er dann irgendwann fertig ist.

Lines Fiction: Aus deiner Trilogie „Klack“ zeigen wir auf Lines Fiction „Knallerbsenbusch“ und „In der Mitte ein Loch“, dazu eine Episode aus dem neuen Projekt „Kleine Dinger“. Du hast dieses Projekt sehr langfristig angelegt, als eine ganze Reihe von Animationen.

Juliane Ebner: Ja, als letzter Film meiner Trilogie wurde dieser Film „In der Mitte ein Loch“ über die Friedrichstraße, die Zeit nach dem Mauerfall und auch den Tod meiner Schwester fertig, der für diese Verwandlungen steht. Das war Anfang dieses Jahres und die Arbeit an dem Film fiel mir stellenweise nicht sehr leicht. (Ich bekam zum Glück dafür eine Filmförderung, sonst hätte ich den Prozess wohl nicht bewältigt.)
Danach begann ich sofort das nächste Projekt, ziemlich dürstend nach einem inhaltlichen Kontrapunkt. Den gönne ich mir nun mit „Kleine Dinger“ meiner neuen Kurzfilmserie, und erhole mich damit auch ein wenig von der Arbeit an „Klack“. In „Kleine Dinger“ geht es um den Alltag einer nicht mehr gänzlich jungen Kulturschaffenden, wie es ja heißt, die in einer deutschen Großstadt lebt aber aus einer der vielen Provinzen des Landes stammt. Kunstbetrieb, Mutterschaft, Lebensunterhalt-sicherung, Beziehungsalltag und der Spagat zwischen mitgebrachten Werten und neu erworbener Weltsichten, so wie der Alltag in historisch stellenweise umgestalteten Strukturen ergeben die Grundlage für beiläufige Episoden, welche die Welt zeichnen, die wir uns gebaut haben, und in der uns glücklich einzurichten wir uns nach Kräften bemühen. Irgendwie geht es also auch wieder um ein Gesellschaftsbild, und wieder schöpfe ich aus dem, was ich kenne weil ich es sehe und erlebe, denn worüber sonst könnte ich Bilder machen. Natürlich ist auch in meiner Arbeit ein „ich“ immer ein literarisches Ich, klar.
Neu ist bei „Kleine Dinger“, dass ich hier auch gelegentlich mit Unterlegungen von Super 8- Material aus den Siebzigern arbeite, was mir wahnsinnig viel Spaß macht. Und eine Episode von „Kleine Dinger“ ist also hier auf Lines Fiction zu sehen.
Diese Episode ist eine von mehr als dreißig, die in der richtigen Reihenfolge gesehen eine zusammenhängende Geschichte erzählen. Den Fortsetzungsroman als Animationskurzfilm plane ich also, und darauf freu ich mich schon sehr.

www.juliane-ebner.de

Knallerbsenbusch, 2012
hand drawn animation
4:30 min.,
Text spoken by Juliane Ebner

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Juliane Ebner

 

In der Mitte ein Loch, 2014
hand drawn animation
08:05 min.,
Text spoken by Juliane Ebner

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Animation für iPhone, iPad
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Juliane Ebner

 

Kleine Dinger, 2014
hand drawn animation
02:52 min.,
Text spoken by Juliane Ebner

Animation in großer Auflösung (Flash)
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Juliane Ebner