Jorn Ebner

Lines Fiction: In „Navigator“ bietest du dem User gleichzeitig unterschiedliche Möglichkeiten zum Klicken an. Das reizt die Neugierde, wo man hingekommen wäre, wenn man sich anders entschieden hätte. Legst du in deinen derzeitigen digitalen Arbeiten weiterhin Wert auf diese Mehrdeutigkeit?

Jorn Ebner: Wenn sich die Betrachter oder Benutzer auf das interaktive Kunstwerk einlassen, entsteht eine gewisse Intimität zwischen beiden. Der / die Einzelne begibt sich in einen Prozess, der mir ähnlich dem Lesen eines Buchs erscheint. Die neuen Technologien ermöglichen diese Interaktivität und durch das Internet sind die Menschen heute in der Handhabung interaktiver, computer-gestützter Kunstwerke geübt. Bei „(The Beatles) in Hamburg“ von 2011, einem Klangkunstwerk mit Online Komponente, war mir daran gelegen, nicht zuviel preis zugeben. Die Arbeit setzt auf die Neugierde der Besucher und erwartet, dass diese herum gucken, um heraus zu finden, was noch so alles zu finden ist – oder dass sie wiederkommen, um an einem anderen Tage eine andere Musik zu finden.

Andererseits habe ich ein Problem mit Interaktivität um der Interaktivitäts Willen, und als der ganze
Web 2.0 Alarm losging, begann ich mit einer Reihe fotografischer Browserarbeiten, deren Abfolgen von Pop-up Fenstern genauso wie ein Video funktionieren, ohne jegliches Geklicke und Getue. Eine kurze Antwort auf Deine Frage lautet also: Ja und Nein. Genau wie im wahren Leben.

Lines Fiction: Netscape Navigator war einer der ersten Browser im Internet, und wenn man an einen Navigatoren online denkt erwartet man ein Interface, das den Benutzern beim Durchklicken Informationen beschert. Dein interaktives Kunstwerk eröffnet aber Seiten, die rätselhaft und geheimnisvoll erscheinen, wie in einem seltsamen Wartezustand. Hast du dieses Stück für die Onlinepräsentation geplant?

Jorn Ebner: Ganz im Gegenteil. „Navigator“ entstand 2006 für CD-Rom. Zu der Zeit war ich etwas frustriert mit dem Internet und meiner Rolle als ‚Internetkünstler‘. Nach einer Reihe von online-Arbeiten wollte ich mit Formen experimentieren, die weniger von der Entwicklung von Browsern abhängig waren. Aus diesem Antrieb heraus entstanden ’stand-alone‘-Arbeiten wie „Navigator“, „JC“ (meine visuelle Begleitung einer John Cage Komposition zur Aufführung des Bruckner Orchesters während des Ars Elecronica Festivals 2006) oder auch meine ‚elektronischen Zeichnungen‘, wie ich sie nenne. ’stand-alone‘ kann man einfach direkt und ohne Browser abspielen lassen. Allerdings ist das Medium von „Navigator“ eine Internet Technologie, denn es handelte sich um eine Flash-Projektor-Datei. Die Neu-Formatierung jetzt für die online Präsentation auf Lines Fiction war problemlos – einer der Vorteile von Flash.

Der Kontext, in dem „Navigator“ entstand, war eigentlich sehr spezifisch: Es war eine Auftragsarbeit für eine britische Organisation namens Creative Partnerships, die Künstler in Schulen platzierte. (In Deutschland gibt es derzeit einen ähnliche Initiative, die Kulturpaten heißt.) Meine Arbeit war für eine Inklusionsschule gedacht, deren Schüler zum Teil Schwierigkeiten hatten, ihren Wohnort zu navigieren. Ich zeichnete eine Reihe elektronischer Zeichungen, die den Ausgangspunkt für die Einleitung und den visuellen Rahmen von „Navigator“ darstellten. Zusätzlich entstanden in einer Reihe von Workshops Schüler-Zeichnungen und -Fotografien, die deren Wohnort darstellten. Dieses Bildmaterial zeichnete ich in einer Grafik-Software namens Freehand neu und animatierte sie mit Flash, einer Software für Online-Animation, die auch prima für die Einbindung von Interaktivität war (oder auch immer noch ist). Diese Animationen stellen den größten Teil von „Navigator“, in dem die Betrachter oder Benutzer Entscheidungen fällen und sich für einen bestimmen Weg entscheiden müssen.

Lines Fiction: Dein Zeichenstil in der interaktiven Anwendung korrespondiert mit deinem Zeichnstil auf Papier. Digital baut sich in „Navigator“ eine nervöse Linie auf, die in der Zeichnung auf Papier als Liniensammlung wiederkehrt. Hast du beide, die digitale Linie und die Linie auf Papier gleichzeitig entwickelt?

Jorn Ebner: Während meines Studiums interessierte ich mich für Animation und entwickelte eine Art „Proto-Animation“ mittels Diaüberblendungen von abfotografierten Zeichnungen. Ich entwickelte dafür einen sehr einfachen Zeichenstil, inspiriert durch eine Skizze von Buckminster Fuller. Dieser Stil war dann von Vorteil für meine erste Online-Arbeit „Life Measure Constructions“ (2000) – eine Arbeit, die ich immer als interaktive Zeichnung verstand – weil die Dateien durch die einfachen Linien recht klein blieben. Bis 2004 produzierte ich drei weitere Online-Arbeiten: „Lee Marvin Toolbox“ (2001), „Leif Codices“ (2003) und „Leonardo Log“ (2004), bei denen immer größere Dateien herauskamen. In den frühen 2000er Jahren war die Datenübertragung recht beschränkt und ich war immer knapp davor, die Animationen zu groß (im Sinne von Bit-Mengen) werden zu lassen. Bei „Navigator“ waren die ursprünglichen Zeichnungen auch sehr datenintensiv und für die Animation mussten, zum Beispiel, einige Transparenzen weggelassen werden.

Meine Zeichnungen sollten nie offensichtlich digital erscheinen. Die Betrachter sollen sich nicht sicher sein, ob sie ein analoges oder ein digitales Bild betrachteten. Da ich aber den Begriff ‚digital‘ nicht mochte, habe ich meine Bilder lieber als ‚elektronische Zeichungen‘ (wie ‚elektronische Musik‘) bezeichnet und ihr Gegenstück ‚analoge Zeichnung‘. Meine elektronischen Zeichnungen sollten immer wie analoge gestische Zeichnungen aussehen, daraus habe ich dann auch analoge Zeichnungen entwickelt. In jedem Fall arbeite ich direkt mit Zeichenstiften – auf Papier oder auf mein altes Wacom Grafiktablett.

In Flash habe ich die Zeichnungen auf der Zeitleiste animiert. Das bedeutet, dass sich die Animation auf einer Abfolge einzelner frames entwickelt, ähnlich wie beim analogen Film. Die Linien entwickeln sich auf den einzelnen frames, ohne sich dabei bestimmter Flash-spezifischer Animationsformen zu bedienen. Im traditionellen Animationsfilm wären das einzelne Zeichnungen für jedes frame gewesen. In der Software konnte ich das einfacher gestalten. Auf diese Weise habe ich auch die Fotos in kleinere Stücke zerlegt: indem die Fotos in einzelne Pixel aufgebrchen wurden und die Linien dann durch Ausradieren entstanden.

Meine jüngsten analogen Zeichnungen sind sehr reich an Information, da eine Vielzahl von Linien übereinander gelagert ist. Würde ich dies in Illustrator tun, würden die Dateien schnell zu groß werden, den Rechner verlangsamen und schließlich sehr blöd zu bearbeiten sein. Für mich ist es sehr anregend, dass ich Zeichnungen produziere, die sehr unterschieden sind von den elektronischen Zeichnungen, sich aber trotzdem wenig von einander zu unterscheiden scheinen. In jedem Medium kann ich etwas tun, was das andere Medium nicht zulässt.

www.jornebner.info

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