Chris Doyle

Lines Fiction: In diesen Tagen kommen Flüchtlinge in großen Zahlen an unsere Grenzen und ihre Fluchtgründe geraten bei den Diskussionen darüber immer wieder aus dem Blickfeld. Dein Projekt Apokalypse Management von 2009 beschreibt nun keine bestimmtes Desaster, sondern bringt eine Zusammenstellung von Bildern aus Katastrophengebieten. Zeigst du die menschliche Unfähigkeit, Katastrophen zu bewältigen, die wir selbst hervorgerufen haben?

Chris Doyle: Es stimmt, Apocalypse Management beschreibt kein einzelnes Desaster, sondern blendet eine große Zahl davon ineinander. Manche Bilder sind aus Kriegsgebieten während andere Naturkatastrophen zeigen. Die meisten Naturkatastrophen sind höchstwahrscheinlich auch Auswirkungen unserer Unachtsamkeit. Zu der Zeit, als ich an dieser Animation arbeitete, habe ich stundenlang im Netz nach Bildern von Kriegen, Fluten, Erdbeben und Terroranschlägen gesucht. Ich wurde mir mehr und mehr bewußt, welches Chaos und welchen Kummer diese Ereignisse mit sich bringen, und es schien, als passierten sie in immer schnellerer Folge.

Wir glauben, dass wir uns immer besser auf Krisen vorbereiten und sie eben gut managen können, aber wir sind nicht bereit zu versuchen, sie zu verhindern. Besonders interessant an diesem, die Desaster umgebenden, Fotojournalismus war, dass ich einen Moment des Horrors und des Schocks zu sehen bekam, bevor irgendeine Art von „Management“ beginnt. Apokalypse Management ist aus dem Nachdenken über diesen Moment entstanden. Die Personen in meinem Stück finden sich alle in einem speziellen Unglück wieder. Das Entsetzen und die Trauer führt zu einer Art Transzendenz. Die Tonspur war wirklich sehr wichtig, um das emotionale Erlebnis zu transportieren, das ich beim Betrachten der Bilder hatte. Mein Sound Designer Joe Arcidiacono und ich haben mit einem Sänger und einer Sängerin gearbeitet und sie aufgefordert zu improvisieren, sich besonders auf die Übergänge zwischen Schreien, Seufzen und Singen zu konzentrieren.

Dieses Stück war das erste in einer Serie, an der ich seit ungefähr sieben Jahren arbeite. Die Serie ist verknüpft mit einem Zeichnungszyklus namens Course of Empire (Der Weg des Imperiums) von Thomas Cole, einem Vertreter der Hudson River School. Die Serie von Animationen handelt von der Art und Weise, wie wir all unsere Hoffnung und Ängste in Landschaften packen. Die Entwicklung der menschlichen Kultur, so abgesondert und abgeschieden von der Natur, hat uns in einen Zustand der Losgelöstheit versetzt, und wir sind jetzt in der Lage, immer rasanter die Bedingenungen für ein Überleben zu untergraben.

Weitere Teile dieser Serie sind Waste_Generation, Idyllwild und The Fluid. Jedes Stück beleuchtet unterschiedliche Aspekte in Coles Zyklus des Imperiums und im Zyklus der Natur.

Lines Fiction: Es gibt schwarz-weiße Aquarelle von dir, die dein Interesse an Naturprozessen zeigen, und du hast Menschen in hyper-realistischen Bildern in bestimmten Situationen porträtiert. Ist Aquarell schon lange das Medium deiner Wahl?

Chris Doyle: Durch Aquarellieren habe ich immer meine Ideen ausgearbeitet. Und ich habe Aquarelle immer sehr gerne groß angefertigt. Dieses Medium wird immer als zart und intim verstanden, was vielleicht genau der Grund ist, warum ich es gerne im großen Maßstab einsetze. Interessanterweise habe ich mit meinen Animationen direkt im Computer begonnen, habe auf dem Tablet gezeichnet anstatt den analogen Weg einzuschlagen, Aquarelle einzuscannen und zu animieren. So sind diese beiden Aspekte meiner Arbeit seit lange Zeit völlig getrennt.

Die Schwarz-Weiß-Aquarelle, die du erwähnst sind elegisch gedacht. Sie sind Aquarelle eines gefrorenen Wasserfalls. Ich habe begonnen Wasserfälle zu besuchen, die im Winter zugefroren sind. Es scheint mir, dass in diesen Wasserfällen der Klimawandel schwer zu ignorieren ist. Daher habe ich sie schwarz-weiß gehalten. Meine neuen Aquarelle, auch schwarz-weiß, gehen noch einen Schritt weiter. Ich mische das Pigment in unterschiedlichen Sättigungen und friere das Wasser ein. Dann zeichne ich mit diesem Gefrorenen während es auf dem Papier schmilzt. Ich schätze die Herausforderung beim Versuch, das zu kontrollieren. Und ich mag, wie das Eis verschwindet während ich arbeite. Ich habe auch Papierbahnen, Tapeten aus verschiedenen Kombinationen dieser Stücke hergestellt.

Lines Fiction: Du präsentierst oft deine großen Aquarelle zusammen mit einer Animation. Wie siehst du die Verbindung zwischen diesen Medien in deiner Arbeit?

Chris Doyle: Papier ist unerlässlich für Aquarelle. Lange Zeit habe ich keinen guten Weg gefunden, diese beiden medialen Prozesse, Aquarell und Animation zusammenzubringen. Als Kompromiss habe ich sie meist Seite an Seite gezeigt. Die Ideen haben sich überschnitten, aber sind formal getrennt geblieben. Dann kam ich zum Projekt Idyllwild, das sich sehr anders entwickelte. Es war beinahe wie ein Neuanfang. Idyllwild ist eine Zweikanal-Installation. Eigenentwickelte Software generiert Paare von Formen, eine Form auf dem Fußboden und eine an der Wand. Die Formen sind wie Fenster oder Portale zu einem ständig wechselnden Himmel. Aber dieser Himmel entsteht durch das Filmen von Wasserfarbe, die sich auf dem Papier bewegt. Das handgemachte Werk wird gerahmt durch das digitale Programm.

Seither bringe ich regelmäßig diese beiden Arbeitsweisen in der Installation zusammen. Die Aquarelle frozen waterfall tauchen in The Fluid auf, einer Dreikanal-Animation, die eine Meditation über Wasser in Relation zu den Klimaextremen ist, die wir jetzt in Amerika erleben: Dürre im Westen, Flut im Osten. Da ist es naheliegend, dass ein Kunstwerk über Wasser zum Teil aus Wasser entsteht.

chrisdoylestudio.com/

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Apokalypse Management(telling about being one being living), 2009
5:32 Min. (looping)
Musik Joe Arcidiacono

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Animation in großer Auflösung
Animation in high resolution

Animation für iPhone, iPad
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chris doyle
Hudson River Series #1-6, 2014, Melted ice and pigment on paper, 14 x 14 (35x35 cm)

chris doyle
Hudson River Series #1-6, 2014, Melted ice and pigment on paper, 14 x 14 (35x35 cm)

chris doyle
Falls II, 45x45" (113x113 cm), Watercolor on Paper, 2014

Ausstellungsansicht
The Fluid, installation view, Catharine Clark Gallery, 2014

chris doyle
The Larger Illusion, 2012, Watercolor on paper Triptych, 46" x 216"(115x615 cm).