Robert Seidel

Lines Fiction: Für das internationale Filmfestival Punto y Raya 2016 im ZKM Karlsruhe warst du eingeladen, eine Übersicht über die Experimental- filmszene in Deutschland vorzustellen.
Bemerkenswert ist es, dass Punto y Raya als das „abstrakteste Filmfestival der Welt“ gilt.
Zwar werden die Gegensätze „figurativ“ – „nicht figurativ“ in der Gegenwartskunst nicht mehr so heiß diskutiert wie früher, rein abstrakte Filme in der Tradition des Absoluten Kinos findet man in der zeitgenössischen Kunst aber seltener als narrative Ansätze.

Robert Seidel: Es ist wirklich erstaunlich, denn in der Malerei und der Fotografie ist die Abstraktion als eigenständige Strömung völlig akzeptiert, während das Bewegtbild oft eingeengt wahrgenommen wird. Bei meinem Screening „Knorpelwerke“ für Punto y Raya habe ich bewusst auch Randbereiche der Abstraktion in den Fokus genommen und „kunstferne“ Formate, etwa Musikvideos gezeigt. Da viele Künstler, ich eingenommen, abstrakte Konzepte in installativen Hybridformen verfolgen, habe ich sogar die in den Installationen verwobenen Filme isoliert im Screening gezeigt. Ich fand es teilweise überwältigend, wie sich manche Arbeiten in der Black Box des Kinosaals entfalteten.

Lines Fiction: Wie bist du zu deinen abstrakten Bildwelten gekommen?

Robert Seidel: Ich habe schon immer gezeichnet und mich schon zu Schulzeiten im Skizzieren von Details, etwa von Steinen oder Pflanzen verloren. Aber ich mochte es auch sehr im Zug oder Auto zu sitzen und beim Zeichnen durch die Fahrzeugbewegung abgelenkt zu werden und unkontrollierte Linienverläufe auf das Blatt zu bringen. Letztendlich hatte ich das Glück, dass meine Eltern mir schon früh den Zugang zu einem Computer ermöglicht haben (was zu DDR-Zeiten nicht so einfach war) und so haben mich die Zeichenprogramme, 3D-Modellierung, Programmiersprachen oder Fraktalgeneratoren in den Bann gezogen. Je tiefer ich in diese Möglichkeiten eingetaucht bin, umso klarer wurde mir, dass der Computer es erlaubt „das Ungesehene“ umzusetzen, da er keinen Beschränkungen, egal ob physikalisch, zeitlich oder räumlich unterworfen ist. Aber die „künstlerische Initialzündung“ war, wie bei vielen, Marcel Duchamps Gemälde „Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2“, welches für mich erstmalig die Brücke zwischen etwas Realem und dem Abstrakten auf eine absolut schlüssige Art und Weise schlug.

Lines Fiction: Und wie setzten sich diese Haltungen in deinen eigenen Arbeiten fort?

Robert Seidel: Meine ersten, wirklich künstlerisch ausformulierten Arbeiten sind klassische Experimentalfilme, beispielsweise _grau oder E3. Diese wurde auf zahlreichen Film- und Kunstfilmfestivals gezeigt. Erst im Vergleich zu den ersten Ausstellungen in Kunstinstitutionen wurden mir dir Vorteile des konzentrierten Kinoerlebnisses gewahr – wenn deine monatelang ausbalancierter Film im neon-durchflutetenden White Cube mit schlechter Akustik gezeigt wird, geht einiges an Wirkung verloren. Das liegt natürlich wie im musealen Bereich so oft an den knappen Budgets und der beschränkten technischen Expertise. Daher bin ich auf Gebäudeprojektionen und Videoinstallationen ausgewichen, um meine Vorstellungen von abstrakter Struktur, Textur und Bewegung kontrollierter präsentieren zu können.

Lines Fiction: Bei der Laserperformance „magnitude“ verlässt du die Ausstellungsarchitekturen komplett und zeichnest mit Licht in einer Landschaft – ebenso ein Schritt zu etwas „Ungesehenem“?

Robert Seidel: Die Zeichnung ist bei all meinen Arbeiten Vorstudie, taucht aber selten in Ausstellungen auf. Während meines Aufenthaltes bei Epicenter Projects in Kalifornien fand ich es herausfordernd auf Wüste und Canyons am San-Andreas-Graben direkt als Zeichenfläche zu benutzen. Die Lasertechnik wird in dieser Gegend für Landvermessung und Erdbebenerkennung eingesetzt, also schien mir die künstlerische Umnutzung folgerichtig. Da diese performativen Lichtzeichnungen teilweise mehrere Kilometer groß sind, ließ sich das ganze nur mittels Langzeitbelichtung umfassend einfangen. Meine Reaktionen auf die unterschiedlichen Landschaftstopologien und die daraus resultierenden Gesten lassen hier meine Zeichnungen das erste Mal als eigene Werkgruppe in den Vordergrund treten.

Lines Fiction: Du nutzt neben digitale Zeichnungen auch Stift und Papier für die Vorlagen deiner Lichtinstallationen. Was bedeutet das analoge Zeichnen für dich?

Robert Seidel: Für die meisten Filme und Installationen fülle ich Skizzenbücher um ein Formenvokabular und Bewegungskonstellationen zu entwickeln. Diese baue ich dann aber nie eins zu eins nach, sondern nutze dieses spontane, oft gestische Repertoire um bei der zeitaufwändigen Arbeit in 3D-Software oder beim Bau von Projektionsskulpturen immer wieder neue Impulse zu bekommen. In den letzten Ausstellungen habe ich einige Buntstift-, Tusche- und Graphitzeichnungen gezeigt, die zeitlich nach dem Skizzieren entstanden sind und konzentrierter einzelne Aspekte, etwa Texturen und Choreographien der Filme vorwegnehmen. Mich reizt jedoch die Raumzeichnung, sei es auf eigene oder vorhandene Skulpturen, Gebäude oder Landschaften stärker, allerdings ist dieses intime Ringen mit dem Stift in der Hand inspirierend und fließt hoffentlich in mein nächstes Filmprojekt ein. Ich muss nur noch eine schlüssige Lösung für die Übertragung in das Bewegtbild finden…

www.robertseidel.com
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E3 (Experimentalfilm / experimental film, D/UK 2002)
Still + Film: http://vimeo.com/robertseidel/e3

_grau (Experimentalfilm / experimental film, D 2004)
Skizze + Film: http://vimeo.com/robertseidel/grau

vitreous (Medienfassade und Installation / media façade and installation, Target City Lights, D/USA 2015)
Skizze + Film: http://vimeo.com/robertseidel/vitreous

Magnitude, 2015
environmental laser drawings
San Andreas Fault, USA
4:02 Min. Documentation

Video in großer Auflösung
Video in high resolution

Video für iPhone, iPad
Video for mobile devices

Magnitude online at Epicenter Projects

robert seidel
magnitude #2 - Mecca, California, Photographie/Photography, 2015

robert seidel
magnitude #1 - Whitewater, California, Photographie/Photography, 2015

robert seidel
magnitude #8 - Mecca, California, Photographie/Photography, 2015

robert seidel
vitreous, Zeichnung/Drawing, 2015

robert seidel
_grau, Skizzen/Sketches, 2004

robert seidel
brokat, Zeichnung/Drawing, 2016