Sarah Jane Lapp

 

Lines Fiction: Du bist eine Künstlerin und Designerin, die mit Tusche, Aquarell und Wachsmalkreiden arbeitet. Das transportieren auch deine Animationen, was einen beinahe haptische Eindruck hinterlässt. Was interessiert dich an diesen Materialien?

Sarah Jane Lapp: Im digitalen Zeitalter zeichne ich immernoch mit Rohrfeder und Tinte, da ich – wie ein Vampir nach Blut – nach diesem direkten Kontakt zu Stift und Papier dürste. Ich könnte in meinen Zeichnungen leben; sie sind ordentlicher als mein eigenes Studio und von manchmal ziemlich unnahbaren Menschen bevölkert – die ich zum Beispiel so vom Busfenster aus gesehen habe, während sie über Pflastersteine humpeln mit welken Lilien im Rucksack. Das Überbleibselfreie Potential der digitalen Produktion interessiert mich vor allem wegen des ökologischen Versprechens. Die Kollegen Filmemacher bekommen beim Handentwickeln Krebs und meine Zeichnungen auf Papier zerstören Bäume. Wäre ich ein echter Ökofreak würde ich die Film- und Kunstproduktion noch mit der Komödie eintauschen: meine Witze könnte die Stadt ohne Kosten recyceln. Aber meine selbstsüchtigen Gene wollen sich fortpflanzen und meine RNA wählte das Zeichnen als Vehikel dafür. Jedes kleine promiske Chromosom steckt in einer Linie, ich bringe mir bei, mit dem Computer zu kopulieren, aber die Evolution geht doch langsam…

Lines Fiction: Ein ziemlich wichtiger Aspekt in deiner Animation „Chronicles of an Asthmatic Stripper“ ist die Musik. Der Soundtrack wurde von Mark Dresser, einem Bassisten eingespielt. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

Sarah Jane Lapp: Es war ein ziemliches Privileg mit ihm zu arbeiten, er ist top als Bassist und ich traf ihn als ich ungefähr 28 war(jetzt werde ich 40). ich bin künstlerisch mit ihm gewachsen… Der Zufall, dass wir uns in der MacDowell Colony (eine Künstler-Residenz in den USA) getroffen haben zeigt vielleicht, dass das Universum größere Pläne mit uns hat, als wir uns so vorstellen können… wir realisierten bisher zusammen vier Projekte und rufen uns oft an und erzählen uns Witze. Er ist wie Familie.

Hier die Beschreibung unserer Zusammenarbeit in seinen Worten aus einem Museumskatalog:

„I’ve had only one month-long residency at MacDowell, which was in September 2000. What fortuitous timing that my first three days coincided with Sarah Jane Lapp’s last three days at MacDowell. She invited a bunch of us to a viewing of her films and to check out her studio. I was moved by Happy are the Happy, an unusually subtle and moving film about the Holocaust. I expressed my enthusiasm for her work and felt compelled to give her my recordings for silent film. We stayed in touch and began collaborating. It was easy at first, as we were both living in Brooklyn. I recorded some solo bass sketches for a film in production. Sarah Jane was concerned about how to pay me. I laughed and said, “Let’s do an exchange” – would she consider making a short piece for me to perform solo? She had the idea for the Stripper and I had a deadline for a tour. Sarah Jane spent her next residency at MacDowell faxing me many pen and ink drawings. Meanwhile, I composed, mailing her tapes and even once playing my themes to her over the phone…“

-Mark Dresser

Solitude and Focus: Recent Work by MacDowell Colony Fellows in the Visual Art
The Aldrich Contemporary Art Museum
January 23-June 22, 2005

Lines Fiction: Die Erzählung in deinen Animationen bleibt stellenweise rätselhaft, die Bilder fordern unsere Imagination heraus und machen einen surrealen Eindruck. Du kombinierst auch Live-Action mit Animation. Hast du Vorbilder?

Sarah Jane Lapp: Komisch, ich finde meine Bilder garnicht so rätselhaft, vielleicht ein Zeichen meines Größenwahns… Letzte Nacht stellte ich fest, dass ich immernoch besessen bin von Matratzen.

Vorbilder? Wo soll ich anfangen?

Warner Bros. Trickfilme waren es bestimmt nicht, eher Svankmajers „Dialoge“, die mir das Gefühl gaben, meine Vorstellungen haben Platz in dieser Welt. Auch Tarkowskys “Zrcadlo (Spiegel)” gab mir das Gefühl ästhetischer Befreiung. …ich erinnere mich wie ich in FAMU’s Bibliothek(Prager Filmhochschule) eine alte VHS-Kassette ansah und versuchte, mein Weinen vor dem Bibliothekar zu verstecken…
Tarkowskys Insistieren auf der Umformung der synchronen/diachronen Zeit… der Sound, der den innerfilmischen Raum überschritt… und in diesen besonderen Stand der Gnade eintrat…

Offensichtlich dominierte der Kanon osteuropäischer Filme meinen Kopf in den 90ern, während ich in Prag studierte… Vera Chytilovas „Tausendschönchen“; der frühe Milos Forman…
Misha Pavlatovas Filme gaben mir die Freiheit, Beziehungsgeflechte mit Humor zu nehmen… sie war unglaublich ermutigend, als ich ihr meine ersten Animationsversuche zeigte. Sie sagte „Cerstvy!“, das heißt glaube ich „Frisch!“ – oder vielleicht habe ich sie missverstanden und sie sagte: „Ähm, nimm ein neues Papier und versuch’s nochmal“

Auch das Arbeiten mit den Dozenten bei FAMU(wo ich Live-Action drehte) haute mich um – ihre Geduld, Genialität und Vision, vor allem Ramunas Greicius. Das war magisch. Oh, wenn ich bloß nochmal mit ihm arbeiten könnte! Ramunas, hörst du mich?

Schließlich hat mich das Art Institute of Chicago mit der anderen Seite der Produktion vertraut gemacht, mit der amerikanischen Avantgarde: handgemachte Kunst und handwerkliche Fähigkeiten, Shellie Flemings Filme von brillianter Zerbrechlichkeit, Dan Eisenbergs eindringlicher Film „Displaced Persons“, Nancy Andrews bravourös intelligente Animationen, Chris Sullivans Savant-gleiche Figuren… Nancy zeigte mir Caroline Leafs “THE STREET” und ich erlebte einen AHA-moment beim Entdecken ihrer köstlichen visuellen Verwandlungen.

Meine eigenen Kollegen inspirierten mich ohne Ende – wir waren eine seltsame Mischung aus Neo-Neo-Realisten, Experten im Handwerklichen und Dokumentarfilmern:
Jenny Perlin, Amie Siegel, David Gatten, Apichtpong “Joe” Weersanthankul, Dima El-Horr, Daniele Wilmouth, Erika Mijlin, Julie Goldstein, Chris Harris, Josh Gibson, Shuk-Shan Lee, Tchavdar Georgiev. Das war schon Wahnsinn. Und alle sind noch dabei…

www.cinemagoat.com/

Chronicles of an Asthmatic Stripper, 2002
hand drawn Animation
5 min., Sound: Mark Dresser(bass)

Animation in großer Auflösung (Flash)
Animation in high resolution (Flash)

Animation für iPhone, iPad
Animation for mobile devices

Sarah Jane Lapp

 

Sarah Jane Lapp

 

Sarah Jane Lapp