Katharina Meldner

 

Lines Fiction: Mit der Präsentation Deines Filmes NOW erweitern wir ja das Feld der Animation, die auf LinesFiction präsentiert werden – Es geht im weitesten Sinne um das bewegte Bild, und um dein Verfahren, dieser Idee mit der Zeichnung zu folgen: Du animierst Ameisen, sich für das Video an bestimmte Stellen zu setzen und folgst ihren Spuren auch in Deiner Zeichnung, wie gehst Du da vor?

Katharina Meldner: Im Film sind es die Ameisen selbst, die wie Punkte und Striche die Zeichnung repräsentieren. In den Zeichnungen sind die Ameisen als von mir gezeichnete Spuren ihres Weges vorhanden. Der Film zeigt in einer einzigen Einstellung von 29:30 min (im ungekürzten Original), das Entstehen und Zerfallen des Schriftzugs NOW als instabile, ständig wechselnde Konfiguration einer Gruppe von Ameisen. Auf einen Papierbogen schrieb ich mit Zuckerwasser das Wort NOW. Nach dem Wegtrocknen des Wassers wurde der Schriftzug wie eine Geheimtinte unsichtbar. Ich legte den Bogen auf den Boden eines kleinen Platzes, gelegen zwischen stark frequentierten Zu‐und Ausfahrten der Berliner Stadtautobahn. Ameisen nähern sich dem Blatt und entdecken die winzigen, dem menschlichen Auge unsichtbaren Zuckerkristalle. Die ankommenden, fortstrebenden und zurück kehrenden Ameisen erscheinen als ein Gewimmel von Punkten und kleinen Strichen, die auf den Zuckerspuren des Schriftzugs sich zu einer wechselnden, meist rudimentären Gestalt des Wortes NOW anordnen. In diesem Prozess entstehen zahllose Buchstaben ‐und Wortfragmente, die nur kurzen Bestand haben. Nur zweimal in fast dreißig Minuten erscheint der vollständige Schriftzug, und er zerfällt in dem Moment, in dem man ihn entziffert. Zur visuell vermittelten Zeiterfahrung kontrastiert akustisch das insgesamt homogene Rauschen des Autoverkehrs. Der Film gehört in den Umkreis meiner Zeichnungen „Wege der Ameisen“, die seit 1980 entstanden sind und Zeitabschnitte aus dem Leben mehrerer Ameisenpopulationen dokumentieren. In der Nähe eines Nests, auf dem Zeichenblatt, oder in unmittelbarer Nähe des Zeichenblattes, legte ich einen Futterplatz (mit Zuckerwasser), oder mehrere an. Ich verfolgte mit dem Stift die Bewegung jeweils einer Ameise, solange sie sich auf dem Blatt befand. Den Such‐und Erkundungsweg einer Ameise zog ich mit Bleistift nach. Den Weg einer Ameise, die Nahrung von der Futterstelle oder selbst erbeutete Nahrung(wie Insekten, Käfer)wegtransportierte, zog ich mit rotem Farbstift nach. Mit der Linie dokumentiere ich den Weg einer Ameise, die gleichsam meine Hand führt. Somit findet auch ein Austausch der Initiative statt (stärker noch ausgeprägt in den neueren Zeichnungen mit den Waldameisen). Aus der Position der Futterplätze auf dem Zeichenblatt, der Aktivität der Ameisen und der Dauer des Zeichenprozesses ergibt sich die Struktur der Zeichnung. Ich betrachte sie als einen räumlichen und zeitlichen Ausschnitt aus einer imaginären Zeichnung, deren Linien sich unsichtbar über den Bildrand fortsetzen und in den Nesteingängen verschwinden. Da meine zeichnende Hand nicht alle Ameisen erfassen kann, ist die abgeschlossene Zeichnung Teil einer imaginären Zeichnung, in der alle von mir nicht erfassten Weglinien enthalten sind, weit über die Fläche des Zeichenblattes hinaus, das ganze Terrain der Ameisenpopulation umfassend.

Lines Fiction: Aus deinem vielfältigen zeichnerischen Werk bringe ich deine nächtlichen Stadtgrundrisse der Stadtkarten‐Serie in Zusammenhang mit deiner Aufzeichnung der Ameisenwege. Diese Zeichnungen von 1980 bis 1990 erscheinen mir in ihrer Präsentation leerer Straßen in weißen Umrissen wie die dunkle, unheimliche Seite zu deinen quirligen Ameisenstraßen. Liege ich mit meiner Assoziation richtig?

Katharina Meldner: Es gibt einen solchen Aspekt. Bei den Stadtkarten repräsentiert das Schwarz das Unbekannte oder Vergessene. Aber auch die Ameisenzeichnungen tendieren zur schwarzen Fläche. Es gibt Ameisen‐Zeichnungen von 1982, an denen ich sieben Tage, jeweils vier Stunden gearbeitet habe. Durch die Überlagerung der Weglinien entstand eine schwarze Graphitfläche, in der die individuellen Weglinien der Ameisen nicht mehr sichtbar waren. Meine subjektiven Stadtkarten‐Serien entstanden zeitgleich mit den ersten Ameisen‐Zeichnungen während eines längeren Stipendiums in Olevano/Italien, 1980. Die Zeichnungen sind eine aus der Erinnerung gezeichnete kartographische Darstellung meines Wohnortes und der Städte und Orte, in denen ich mich seit meiner Kindheit aufgehalten, oder in denen ich zeitweise gelebt habe. Ich habe versucht, die Erinnerung an das Sich‐in –der‐Stadt – Befinden in die Vorstellung einer kartographischen Struktur, in ein Über‐der‐Stadt‐sein zu transformieren. Die Intensität der Farbe Weiß gibt die Intensität meiner Vorstellung und Erinnerung bestimmter Gebiete und Straßen wieder. Die Stadtkarten sind stets während meiner Abwesenheit vom betreffenden Ort entstanden. Es sind völlig andere, von meinen eigenen verschiedene, subjektive Kartographien desselben Ortes denkbar. Mich fasziniert an beiden, den Ameisen wie den Stadtkarten, das in der Zeichnung Abwesende, auf das sie sich insgeheim bezieht. Es ist, bei den Zeichnungen mit Ameisen wie bei meinen subjektiven Stadtkarten, die imaginäre Zeichnung, aus der einzig die eigene zur Sichtbarkeit gelangt ist.

kunstaspekte.de

now, 2001
Life Act Animation (excerpt)
6:02 min., Sound

Animation in großer Auflösung (Flash)
Animation in high resolution (Flash)

Animation für iPhone, iPad
Animation for mobile devices

katharina meldner

Unter Waldameisen, 14.8.2009, 17:05 bis 17:20 Uhr
und
Unter Waldameisen , 14.8.2009, 15:40 bis 16:00 Uhr

 

katharina meldner

Wege der Ameisen, 17.8.1998, 17:03 bis 20:00 Uhr
Routes of the Ants, 1998-8-17,
5:03 pm - 8 pm

 

katharina meldner

Stadtkartenserie Berlin 12,
Series City Maps Berlin 12