Matthias Beckmann

 

Lines Fiction: In einem Interview mit ARTE 2009 hast du über “Keine Tricks” als einem langsamen Film gesprochen. Was meinst du damit?

Matthias Beckmann: als ich mit den Zeichnungen für den Film begonnen habe war meine erste Idee nicht, einen Film zu machen sondern eine Zeichnung, die sich sehr langsam in Form und Inhalt verändert. So wäre eine ganz langsame Bewegung für die Metamorphose nötig.
Ich wollte einen Film ohne Plan machen – ohne irgendwelche Schnitte – nur einfach anfangen, mich überraschen lassen von der Richtung, die die Linien und Aktionen von selbst nehmen. Eine weitere Idee war es, nur Dinge um mich herum zu zeichnen ohne den Einsatz von Fotos oder Filmen. So wie ich normalerweise vor Ort an öffentlichen Plätzen wie Museen, Kirchen, Krankenhäusern, Fabriken etc. arbeite, dachte ich der beste Ort für dieses Vorhaben wäre mein eigenes Studio. So geschieht alles in diesem Film auf meinem Zeichentisch. Da sieht man meine Lampe, das Tesaband, eine Schere, und zu Beginn des Filmes kann man sogar durch das Fenster sehen und sehen, was ich sehe, wenn ich da sitze. Auf diese Weise ist mein Film eine Dokumentation, wie meine Zeichnungen.
Auch die Verweise auf die Kunstgeschichte, auf Dürer, Picasso, Hokusai und Menzel ( vertreten durch ein verstecktes und fragmentiertes Zitat: “Alles Zeichnen ist nützlich, und Alles zeichnen auch”), sind dem Gesehenen entnommen, stammen aus den Kunstbüchern, die auf meinem Tisch liegen. Der Film ist eine persönliche Hommage an einige der größten Zeichner. Für einige Zeit sind all diese Helden am Leben und bewegen sich über meinen kleinen Tisch. Das macht Spaß.

Du siehst, ich hab begonnen zu reden und nach und nach vergessen, auf deine Frage zu antworten. Zeit ist wesentlich. Es braucht Zeit, eine Zeichnung zu erstellen und es braucht auch Zeit, zeichnen zu lernen. “Keine Tricks” ist ein langsamer Film, der aus einer großen Menge Zeichnungen auf Papier heraus entstand. Während ich zeichnete habe ich die Bewegung der Zeichnungen nie gesehen, denn ich benutze kein Computerprogramm. Nach ungefähr zwei Jahren, oft unterbrochen durch andere Projekte, wendete ich mich an Walter Lennertz vom Film Studio der UdK Berlin (Universität der Künste Berlin), und er half mir den Film zu produzieren. Erst dann, ganz am Ende, sah ich den Film und fast nichts wurde verändert.
Als Zeichner, der kein professioneller Filmemacher ist versuchte ich nicht, besonders schnell, trickreich und perfekt zu sein, wie es Spezialisten sind. Ich wollte die Bewegung langsam, um es leichter zu machen der Bewegung zu folgen, die der Stift macht. Ich liebe die langsame Bewegung der Linie schon während ich zeichne.

Lines Fiction: Du bist bekannt als der Zeichner, der seine Umgebung protokolliert. Du dokumentierst spezielle Orte – Museen und Künstlerstudios – in Bleistiftzeichnungen, die du in Ausstellungen zeigst. Ich habe gesehen, dass du die 6000 Zeichnungen für deinen Film “Keine Tricks” in einem Ringbuch sammelst, werden diese Zeichnungen Teil einer Ausstellung sein?

Matthias Beckmann: die Zeichnungen sind jetzt in 14 Aktenordnern untergebracht, was ziemlich bürokratisch aussieht. Als ich den Film 2009 zum erstenmal zeigte, habe ich einige davon ausgestellt, um zu zeigen, dass der Film aus einer Menge kleiner Zeichnungen entstanden ist. Und auch damit die Besucher eine begrenzte und signierte Edition kaufen, bestehend aus einer DVD und einer Handzeichnung. Inzwischen denke ich, es ist besser sie nicht zusammen mit dem Film zu zeigen. Zeige niemals das Werk zusammen mit dem Schweiß der geflossen ist bei der Erstellung eines Kunstwerks. Es soll alles leicht und natürlich wirken.

Ich schätze die Zeichnungen für den Film, aber irgendwie sind sie unterschiedlich von den Zeichnungen, die eigenständig entstanden sind. Vielleicht kann man das Phänomen anhand von griechischen Skulpturen wie dem Diskuswerfer verdeutlichen. In einem klassischen Kunstwerk – einer Skulptur, einem Bild oder einer Zeichnung – sollte die ganze Bewegung in einer einzigen Position repräsentiert sein. Die Griechen wählten den „fruchtbaren Moment“ , eine Position, die Auskunft geben sollte über das was davor geschehen war und danach geschehen würde. Das führt zu einem mächtigen, autonomen Bild. Die verschiedenen Zwischenbilder einer Sequenz haben dies Kraft nicht, denn sie sind nicht dafür entstanden, lange und isoliert von den übrigen Bildern betrachtet zu werden.

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