Matthias Reinhold

Lines Fiction: Beim Surfen durch’s Internet klicken wir täglich auf Bilder, die uns irgendwohin verlinken. Du nimmst diese Praxis als Zeichner in deine künstlerische Arbeit mit hinein. Auf deiner Webseite und offline in Ausstellungen am Monitor animierst du die Betrachter, sich durch deine digitalisierten Zeichnungen und Bilder zu klicken und damit assoziativ einen ganzen Erzählstrang abzurollen. Wie kamst du dazu?

Matthias Reinhold: Angefangen hat es mit meinem Reise-blog „chinaclips“, den ich während meines China-Aufenthaltes in Hangzhou 2005 betrieben hatte. Das war einerseits als Berichterstattung für die Leute zu Hause gedacht. Andererseits funktionierte es auch für mich selbst wie ein Sammel-Album für all die Eindrücke und Dinge, mit denen ich dort konfrontiert war. Ich studierte in dieser Zeit traditionelle Tuschemalerei und mochte den Kontrast zwischen diesem archaischen Medium und der neuen digitalen Technologie. Das kam in den chinaclips zum Ausdruck. Derselbe Gegensatz zwischen einer Handzeichnung und einer digitalen Datei macht auch den Reiz meiner jetzigen Arbeit aus. Ausgehend von diesem China-Aufenthalt hat sich ein Interesse für eine visuelle Sprache entwickelt. Sie besteht aus einer Folge von zeichenhaften Bildern, die einer Art Grammatik der Assoziation unterliegt. Vielleicht hat die Begegnung mit chinesischen Schriftzeichen mit ihrem ursprünglich abbildenden Charakter zu dieser Idee geführt. Oder hatte mit dem Manko an Kommunikationsmöglichkeiten während des Auslandsaufenthalts in China zu tun. Im Alltag behalf ich mich oft mit Zeichnungen. In einem Restaurant bestellte ich ein bestimmtes Gericht, in dem ich zum Beispiel ein Huhn zeichnete. In der chinesischen Malerei gibt es für Vögel ein spezielles Genre. Hühner waren also auch auf diesen traditionellen Rollbildern dargestellt, aber mehr als schön anzusehende lebendige Tiere, denn als potentiell schmackhaftes Gericht. Der Sinn eines Bildes hing also sehr von dem Zusammenhang ab, in dem es gesehen wurde. Dieser Dialog der Bilder untereinander wurde dann zum Hauptgegenstand meiner Projektes, das ich daher auch „ikonolog“ nannte.

Lines Fiction: Beim Klicken durch den ikonolog kann man sich in assoziativen Bildern verlieren wie im Bilderatlas von Aby Warburg. All diese Zeichnungen auf Papier und Fotos können in Ausstellungen gezeigt werden, zusammen mit dem ikonolog auf dem Monitor. Zeigst du alle Zeichnungen oder präsentierst du eine Auswahl?

Matthias Reinhold: Der „Mnemosyne-Atlas“ von Warburg ist sehr wichtig für mich, nicht nur wegen des Bezuges zur Bildwissenschaft der Ikonologie. Ich finde diese schwarz-weißen Atlastafeln sehr anziehend und orientiere mich an ihnen, wenn ich die Zeichnungen für Ausstellungen arrangiere. Was die Auswahl angeht, so passen nur manche Zeichnungen zusammen, weil sie formal oder inhaltlich in einer Beziehung stehen… Um auf das Huhn zurück zu kommen: man kann auf eine der Federn klicken und landet dann bei einer Landschaftsmalerei. Eine andere wird per Klick zu einem Federball verarbeitet, auf das Bein hin bekommt man – klick – das Hühnergericht serviert, der Hintern legt die Eier. Das Huhn wäre also umgeben von diesen Partnermotiven, die ihrerseits mit anderen in Verbindung stehen. Aus diesem Assoziationsspiel bildete sich eine Art Wolke, die sich einer Wortfolge „Huhn – Ei – Nest – Vogel – Feder – Ball – Garten – Baum – …“ umschreiben lässt. Das Nacheinander auf dem Bildschirm wird zu einem Nebeneinander auf der Wand. Der Betrachter kann sich seinen eigenen Pfad suchen. Im realen Raum kann man auf die Exponate zugehen oder ein paar Schritte zurück machen kann. Dieses Prinzip des Hin- und Herwanderns versuche ich auf die Website zu übertragen. Eines kann man jedoch nicht ersetzen: das sinnliche Erlebnis von echtem Papier, die Rillen, die der Bleistift hinterlässt und die Reflexe der Grafitschicht. Das ist der Wert, für den es sich lohnt, tatsächlich zu zeichnen und diese Blätter in Ausstellungen zu zeigen.

Lines Fiction: Präsentierst du deine digitale Arbeit offline oder finden deine Ausstellungen auch ohne Monitor statt? Wenn ja, wann entscheidest du dich wofür?

Matthias Reinhold: Die Website ist immer wieder in Ausstellungen integriert, quasi als virtuelles Fenster oder als Schreibtisch. Es hängt davon ab, ob sich eine Situation herstellen lässt, in der ein Bildschirm nicht als Fremdkörper wirkt. Manchmal liegen in Museumsräumen Kataloge aus, oft angebunden an Sitzmöbel. Das Durchblättern dieser Kataloge ist vielleicht am ehesten vergleichbar mit Websurfen in einem Galerieraum. Dieses Blättern bzw. Surfen ist einfach eine andere Art des Sehens als das Betrachten von Bildern im Raum. Eigentlich ist der beste Ort dafür zu Hause im Privaten, wo man seine Ruhe haben kann und den gewohnten Rahmen. Das gleiche könnte man aber auch von analogen Bildern behaupten, dass man ihnen am nächsten kommt, wenn sie in der persönlichen Umgebung eingebettet sind und man sie im Alltag um sich herum hat. Letztlich ist eine Ausstellung ein Angebot und jeder sollte ein Stück weit selbst entscheiden können, wie er sich darauf einlässt.

Lines Fiction: Du hast auch eine Facebookseite ikonolog, die dein wachsendes Projekt dokumentiert. Wie wichtig ist das Internet für deine Arbeit?

Matthias Reinhold: Die ikonolog-Website ist für mich eine Plattform, auf der ich meine Ideen entwickeln und publizieren kann. Sie hat für mich mindestens denselben Stellenwert wie eine Ausstellung oder ein gedrucktes Heft. Facebook ist dabei lediglich ein zusätzliches Instrument, um über die Entwicklung des Projekts zu informieren und um Rückmeldungen zu bekommen. An und für sich ist die Arbeit an der Website eine Art „Meta-Zeichnen“. Man könnte es auch mit Handarbeiten wie Weben oder Stricken vergleichen. Technisch gesehen nütze ich dazu die so genannte Hypertext Markup Language (HTML) und für das Layout Cascading Style Sheets (CSS), darüberhinaus ein paar Java-Skripte für die Hervorhebung der Klickflächen. Alles ist „handgemacht“, es sind keine Datenbanken involviert. Das Gebilde ist über die Jahre gewachsen, Bild für Bild, eine Verknüpfung nach der anderen. Mittlerweile gibt es ungefähr vier tausend Seiten, die mit zehntausend links verbunden sind. Freunde und Bekannte konnten diesen Prozess von Anfang an mitverfolgen. Alle Gestaltungsmittel habe ich selbst in der Hand. Ich kann entscheiden, wann und wie etwas geändert wird und dies mit relativ geringem Aufwand umsetzen. Mich reizt die Offenheit des Ganzen. Es hat nie seine endgültige Form und könnte immer weiter gehen…

ikonolog.de

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