Manon Bovenkerk

 

Lines Fiction: Deine handgezeichneten Animationen bewegen sich thematisch und formal auf recht unterschiedlichen Gebieten. Einer deiner Schwerpunkte sind Animationen im Stil der großartigen Max Fleischer Cartoons aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts (Max Fleischer als dunkle Seite zu Walt Disney), und ein anderer Schwerpunkt sind deine Animationen, die an Kino und Filme der Nouvelle Vague erinnern. Wie kam es zu diesen beiden Polen?

Manon Bovenkerk: es hat zu tun mit meinem gleichzeitigen Interesse an Genrefilmen und Cartoons. Ich liebe Science Fiction, Western, Horrorfilme, Giallofilme, Twilight-filme, B-Filme, „Low art“-Produktionen mit ihren eigenen Regeln und Konventionen: den Bildern, Symbolen, Themen und Mhyten. Da gibt es eine Dunkelheit, ein Gefühl von Angst und Bedrohung. Die Cartoons von denen du sprichst erscheinen nur als Trickfilme für Kinder, Fritz the Cat von Max Fleischer beispielsweise ist ziemlich seltsam, anarchistisch und subversiv.

Meine Animationen entstehen durch Zeichnungen, durch den Zeichenprozeß und was dabei passiert. Ich arbeite ohne Storyboard und Script, es ist mehr ein assoziativer und viszeraler Prozeß. Wie ich Animationen erstelle hängt davon ab, wie ich zur gegebenen Zeit zeichne und das wechselt. Ich kann’s nicht ändern, es passiert einfach. Als ich beispielsweise an Ocnophilia zu arbeiten begann, hatte ich gerade ein Art-in-Residence-Stipendium in einem ganz kleinen Dorf in Holland. Es war da so still, ich hatte so viel Zeit, und ich wurde komplett absorbiert von meinem Thema. Als Ergebnis wurden meine Zeichnungen sehr detailliert und obsessiv. Ich konnte diese Zeichnungen nicht in Stop-Motion animieren, also begann ich mit Standbildern und mit der Kamerabewegung darüber hin zu experimentieren. Ich experimentierte mit Bewegung, Schnitt, Rhythmus und Musik. Julia/Guiliana ist auch auf diese Weise entstanden, mit Standbildern, die eine Cinematographische Qualität haben. Mich hat Michel Antonionis Einsatz von Architektur als assoziative Reflexion des Psychozustands seiner Protagonisten beeindruckt, aber ich war auch ein bisschen besessen von Monica Vitti. Julia/Guiliana ist eine Liebeserklärung an sie.

Ich bin nicht so interessiert in Animationen im Stil von Disney oder Pixar. Für mich geht’s nur um Kino und Zeichnung. Und ich versuche, beides zusammenzubringen.

Lines Fiction: Dein jüngstes Projekt handelt von Monstern, einem weiteren unheimlichen Feld auf das du dich begibst. Kannst du mir mehr über dieses spezielle Thema erzählen?

Manon Bovenkerk: Mein Projekt Monster enstand aus meinem Interesse in Natur und Mythen, in der Verschmelzung von Tier mit Mensch zu einem Charakter (wie es bei Fritz the Cat passiert), und der Idee des Monströsen, Hybriden, dem Fast-aber-nicht-ganz-Menschlichen. Diese Metamorphose gibt es in vielen Kulturen. Menschen verwandekln sich in Affen aufgrund irgendwelcher Übertretungen. Aber Monströsitat ist missverstandene Andersartigkeit: Die Darstellunng von Monstern in unseren Legenden repräsentiert die Probleme, die wir im Umgang mit Andersartigem haben. Wie kann man Menschen unterscheiden von den Zwischenwesen im Reigen der Lebewesen? Die Frage wird umso kniffliger, da Monster siche gerne als Menschen geben, um die Grenzen in seltsamen Formen zu überschreiten: als Werwölfe, Succubi, Tiermenschen, und in zeitgenössischen Mythen als Klone und Roboter mit künstlicher Intelligenz.
Monster handelt von einem Monster, das meint, es sei menschlich. Beinahe wie ein Haustier sieht es sich als gleichwertiges Mitglied in der menschlichen Gemeinschaft, bekommt es aber nicht ganz hin.
Also bleibt die Hauptfrage: „Was ist ein Monster?“, und die treibende Kraft dahinter ist das Scheitern. Im philosophischen Sinne untersucht die Geschichte die Grenze zwischen menschlich und tierisch, Unterdrückung und Verbindung, der Vernunft und dem Animalischem.
Ich weiß noch nicht, welche Form das Projekt annehmen wird. Mein erster Plan war, es zu einem interaktiven Projekt zu machen, jetzt wird es wohl eine Kombination aus Film und Zeichnung, die gleichzeitig online und offline zu sehen sein wird.


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