Peter Radelfinger

 

Lines Fiction: in deiner Kunst beschränkst du dich nicht auf ein Medium alleine. Auf deiner Website listest du auch deine Vorträge, und ich habe eine ganz performative, bilderreiche Rede gehört, die sehr ausgefeilt weit über das Ziel der reinen Information hinausging. Ist das Präsentieren deiner Gedanken in Vorträgen Teil deiner Kunst?

Peter Radelfinger: Ja. Schon früh regten sich Zweifel an meinen Möglichkeiten und der Notwendigkeit (traditionelle) Kunst-Werke zu schaffen. Wiederholtes „Scheitern“ führte mich zu weitverzweigten Suchbewegungen und Recherchen, die stapelweise Notizen und Skizzen, Sammlungen von (Fremd-)Bildern und (Fremd-) Texten produzierte.
Dabei geht es stets um Konditionen der Wahrnehmung, um die Verschiebung des Menschlichen, um die Frage des Politischen in der Kunst. Die mediale Fragen interessieren mich und die Frage, wie Denken funktioniert. Es ist aber auch die Ausrichtung auf das Poetische, Kunst und Leben essentiell poetisch werden zu lassen.
Das Darstellungsformat der Ausstellung erweist sich im Bezug zu diesem Material nur begrenzt und in spezifischen Konstellationen als angemesssen und überzeugend. Durch die Prozesshaftigkeit meiner Arbeit bieten sich ebenso Formen der Auslegung im Sinne von ortsspezifischen installativen Situationen und Formen des Aufführens und Vortragens an. Diese sollten nicht als Erklärungen der Arbeit missverstanden werden (das hat mich lange zögern lassen). Das „Musikalische“ nimmt in meiner Arbeit zunehmend eine wichtige Stellung ein. Es entstehen Kompositionen, aus Elementen des Sagens und des Zeigens; also Montagen von Bildern, Texten und Animationen; es geht um Zwischenräume, Pausen; um Leere und vor allem um Rhythmus. Es ist dies, was mich auch an den Animationen speziell interessiert.

Lines Fiction: Du entwickelst keine langen Animationsfilme sondern limitierst deine Stücke zu kurzen Bildwechseln. Die haben die rauhe Anmutung von gif Animationen auf Webseiten in der Frühzeit des Internets, und sie korrespondieren mit der Fülle deiner notizartigen Zeichnungen. Wie kam diese Korrespondenz zustande?

Peter Radelfinger: Das Rauhe, Banale und Idiotische hat mich schon immer angezogen; es freut mich, dass gerade durch die Animationsarbeit der Witz und das Komische sich verstärken.
Die Animationen entstehen aus der Fülle dieser notizartigen Zeichnungen. Mit meinem Mitarbeiter Sandro Wettstein werden einzelne Blätter ausgewählt und bearbeitet – ich fühle mich oft technisch behindert. Dabei geht es weniger um das Herstellen und die Erzählung von Geschichten durch „Animation“, vielmehr soll durch minimale Bewegungen eine Irritation des Betrachters provoziert werden, die einen Riss in die gewohnte Wahrnehmung beabsichtigt. Es wird in dieser Weise unserer angeborenen (und erlernbaren) Fähigkeit, in unbelebten Bildern ein Leben zu entdecken, etwas nachgeholfen. Dem Begriff Animation wird so seine ursprüngliche Bedeutung zurückgegeben. Es soll damit gleichzeitig eine gewisse Intensitätsschwelle erreicht und überschritten werden, damit die „Schnappschüsse“ unser Bewusstsein erreichen und bewegen. Es geht um etwas Tiefgründiges: Wie kann ich, meinen Empfindungen nach, dieses bestimmte Bild für mich selbst und für andere unmittelbar lebendig machen? Die Animation und der Medientransfer produzieren für mich hier einen aktuellen Anstoss, einen Mehrwert und eine Dringlichkeit( ansonsten bleibe ich gerne bei einfachen Zeichnungen und Markierungen).

www.radelfinger.com/