Alex Bodea

Lines Fiction: Du zeigst uns deine Umgebung durch Zeichnen. Du wanderst durch die Stadt und zeichnest, was dir auffällt. Wie hast du damit begonnen?

Alex Bodea: Das begann aus Notwendigkeit. Nach meiner Ankunft in Berlin musste ich aus organisatorischen Gründen meine künstlerische Arbeit kurzfristig aufgeben – ich habe Malerei in meine Heimatstadt Cluj in Rumänien studiert. Während ich also eine Wohnung in Berlin suchte, bin ich viel durch die Stadt gefahren. Um dabei künstlerisch weiterzumachen plante ich, Papier an meine Schuhsohlen zu kleben und den Staub der Straßen zu sammeln, durch die ich laufe. Ich verstand diese bearbeiteten Papiere als Zeichnungen. Warum ich das dann nicht gemacht habe weiß ich jetzt nicht mehr, ich habe dann aber begonnen, mehr auf Menschen und Dinge in den Straßen zu achten, und vor allem, mehr über das Gesehene nachzudenken.

Damals hatte ich noch kein Instrumentarium, keine Bildsprache, diese besonderen kleinen Eindrücke des Alltags einzufangen. Meine Beschäftigung mit Kunst fand bis dahin im Rahmen eines figurativen Realismus statt (wozu dann aber auch die Zeichnungen unter den Schuhsohlen gehören). Erst ein Jahr später kam ich drauf, wie ich das machen könnte, da beobachtete ich eine Frau, die bei einem Vortrag Notizen auf ihrem E-book machte, und zwar mit Schrift und Zeichnung. Sie arbeitete mit grafischen Hinweisen, und ich war fasziniert, mit welcher Leichtigkeit sie das umsetzte und genauso schnell zeichnete, wie sie schrieb. Von dem Moment an war mir klar, dass dies meine künstlerische Sprache werden würde. Zeichnen wie Notieren, Zeichnen als Aufzeichnung.

Ich ließ alles Überflüssige in meinen Zeichnungen weg, konzentrierte mich auf wenige Linien, gerade genug für den fruchtbaren Moment, in dem ich mein Anliegen in ein oder zwei Worte fassen konnte. Meine Visual Notes, wie ich die Zeichnungen nenne, bilden mit der Beschreibung ein poetisches Ganzes, das nicht getrennt werden kann.

Lines Fiction: Deine Zeichnungen haben also eine visuelle Sprache, die sich auf wesentliche Elemene konzentriert, und du benutzt spezielle Stifte

Alex Bodea: Für die Schnelligkeit, die meine Beobachtungen erfordern, kam der Marker gerade recht. Ich mage dabei, dass er so „Alles oder Nichts“ ist. Man kann eine Markerspur nicht wegradieren, nichts verändern und auch nicht in überflüssige Gesten verfallen, sowas macht die Zeichnung schnell unansehnlich. Es braucht da den perfekten Strich, davon hängt alles ab. Ich probierte also verschieden Marker aus und entschied mich für einen, der mich die Liniendicke variieren lässt, nicht viel, nur ein bisschen – für den schmalen Grad zwischen Plattheit und cartoonischer Verspieltheit.

Was das Papier angeht brauchte ich da auch etwas Zeitgemäßes, und ich entschied mich für Karteikarten, bei denen ich welche in guter, nicht vergilbender Qualität fand, dick genug für den Marker. Die Themen meiner Visual Notes haben eine fast enzyklopädische Bandbreite, aber die Bausteine ihrer Präsentation sind minimalistisch wie binärer Code. Für die menschliche Figur entwickelte ich ein stilisiertes Profil ohne Gesichtszüge, nur der runde Kopf und die Brustlinie als Vorderseite. Manchmal gebe ich meinen kalligraphischen Figuren Hände, wenn nötig, und manchmal füge ich die ganze stilisierte Umrisslinie hinzu. Für Objekte benutze ich meist eine kurze Linie, wei ein Bindestrich. Auch wenn ich individuelle Züge zeichne bleibe ich bei einem minimalen Ansatz.
Manchmal füge ich der Markerlinie einen Pinselstrich mit Chinatusche hinzu, wenn ich Richtung oder Geschwindigkeit zeigen möchte. Pinselstriche ergänzen das Bild auch für den Ausdruck von Gefühlslagen oder Texturen. Falls nötig kann ich auch improvisieren – mit Dreck, Löchern im Papier, Kohle, Feuer oder allem anderen, das ein besonderer visueller Eindruck rechtfertigen könnte.

In jüngster Zeit nutze ich wirklich mehr Tusche und um präzise Linien zu bekommen mehr kalligrafische Stifte. Du siehst, meine Zeichnungen sind fast Schreiben, und meine Sprache beinahe Programmierung. Es geht darum, ein komplexes System aus begrenzten und einfachen Ressourcen aufzubauen. Ein System, das so flexibel ist, dass es in jede gewünschte neue Richtung bewegen kann.

Lines Fiction: dein visueller Code eignet sich perfekt für die Verbreitung via Twitter, ist aber auch einsetzbar, um komplexe Geschichten zu erzählen, wie in deinem Film Nine Line Poems. Du integrierst Poesie und Sprache mit Zeichnung in Performances und Rauminstallationen. Siehst du Zeichnung als grenzenlos universelle Sprache an?

Alex Bodea: Ja, meine Visual Notes sind eine zeitgenössische Kunstform. Ebenso wie Schnappschüsse, die in Sozialen Medien geteilt werden, können sie einfach online gesetzt werden. Es gibt aber auch andere Wege, meine Visual Notes zu verbreiten. So klein wie sie sind, können sie wie eine Notiz behandelt und in einem offenen Archiv präsentiert werden, durch das Leute blättern (das passiert meistens in Galerien, in denen ich meine Arbeit präsentiere).

Aber am liebsten zeige ich sie in einer Performance, Live als Projektion vor Publikum. Dafür gruppiere ich sie in kleinen Themenverbänden, jeder handelt von einer speziellen Geschichte (was ich bei einer Theaterprobe beobachtet habe, während der Installation einer Ausstellung, während eines Festivals, einer Diskussionsrunde oder was ich erlebte, während ich im Flüchtlingsheim ausgeholfen habe). Diese Sammlungen verwandle ich dann in digitale Diashows, ergänzt durch Bewegung und Sound, in eine Erzählung, die ich als Performance vor Publikum zeige. Wenn es gar nicht um ein großes Publikum geht, sondern vielleicht nur um eine Person, die Teil meiner Visual Notes wurde, dann treffe ich diejenige zum Tee und präsentiere die Sammlung als persönliches Feedback. Bei Gelegenheit wurde aus meiner Sammlung auch ein Künstlerbuch, und ich habe vor, dieses Konzept in Zukunft zu erweitern.

Ich sehe meine künstlerische Arbeit als etwas, das über ein traditionelles Kunstkonzept hinausreicht, als einen Weg, Erfahrungen zu machen, Erinnerungen zu sammeln, mich mit Leuten auszutauschen, Zeit mit anderen zu verbringen, individuell und gemeinsam, als meine Möglichkeit, an der Gesellschaft teilzunehmen. Ich glaube, heute gibt es mehr Künstler_innen als früher, die so einen Weg einschlagen, mehr noch als in der jüngsten Vergangenheit. Egal in welchem Medium sie arbeiten, untersuchen und kommentieren sie das Leben direkter mit ihrer Kunst. Und sie sind mehr daran interessiert, ihre Entdeckungen zu teilen und mit dem Impuls all derer in Einklang zu bringen, die sie unterwegs treffen.

In naher Zukunft möchte ich diese Künstler_innen in einen Berliner Projektraum einladen, zusammen mit einer Partnerin kann ich ihn hoffentlich bald einweihen.
Insgesamt sehe ich diese Annäherung an die Komplexität von Kunst momentan als einen der interessantesten Ansätze im Umgang mit visueller Kunst. Ich meine, dass die Zeichnung da einen wichtigen Stellenwert hat, denn sie ist so eine grundlegende visuelle Sprache, und sie ist so unverrückbar menschlich. Das Zeichnen ist so wesentlich für die Kunst und Kommunikation, wie es die Grundlagen der Mathemtik für die gesamte naturwissenschaftliche und technische Welt sind.

alexbodea.work

Der neue Projektraum: the fact finder

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Nine Line Poems
Drawing and Performance
5:34 min.
Sound

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Animation in großer Auflösung
Animation in high resolution

Animation für Mobilphon
Animation for mobile devices

Visual Notes Archive

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Visual Notes:

 

Visual Note

Visual Note

Collage

Collage

 

Visual Note

Visual Notes Performance
Visual Notes in a Performance