Tina Haber

Lines Fiction: Die Innenräume, die du in deinen beiden Animationen präsentierst sind gleichzeitig unbekannt und vertraut: in Interieur 39/56 ist es die dänische Moderne des Mobiliars, in Interieur 0303 ist es die Mischung aus Wohnen und Arbeiten im Mietshaus, die das heutige Stadtleben bestimmt, und die man gleich wiedererkennt. Ist es deine eigene Umgebung, durch die du da gehst?

Tina Haber: Ja, es sind die beiden Berliner Wohnungen in denen ich am längsten gewohnt habe. Obwohl es sich hier um Animationen handelt, sehe ich die Arbeiten in der Tradition der Interieur-Malerei. Durch die Abbildung einer ganz bestimmten Auswahl und Anordnung von privaten Gebrauchsgegenständen werden alltägliche persönliche Abläufe vorstellbar, ohne dass die dort lebenden Menschen zu sehen sind.
Dadurch ergibt sich ein merkwürdiges Wechselspiel von Intimität und Anonymität, das mir typisch erscheint für die Bildgattung des Interieurs. Die sogenannten „Zimmerbilder“ der Biedermeierzeit, z.B. von Adolph Menzel, strahlen noch eine vornehme Ruhe und Klarheit aus.

Das ändert sich in den nächsten Jahrzehnten parallel zu den gesellschaftlichen Entwicklungen und dem Lebensgefühl des Bürgertums. In den Interieurs des 20. Jahrhunderts tritt zunehmend eine beunruhigende Ambivalenz in den Vordergrund. Nur noch selten zeigen die gemalten Innenräume Orte der Geborgenheit. Hinter den alltäglichen Szenen verbirgt sich das grundlegende ästhetische Paradox der Interieurmalerei, die das Private immer als etwas Ausgestelltes ins Bild bringt.
Mittlerweile haben die sogenannten „Room Tours“ auf YouTube die Aufgabe übernommen, durch die Darstellung der persönlichen Wohnräume ein mehr oder weniger individuelles Lebensgefühl auszudrücken.
Durch die malerische und zugleich filmische Umsetzung sehe ich meine Arbeiten als eine Art Hybride dieser unterschiedlichen Formen der Darstellung von Privaträumen.

Lines Fiction: Der ambivalente Eindruck, der, wie du sagst im 20. Jahrhundert in gemalten Innenräumen auftaucht, wird hier ja noch verstärkt durch die filmische Erzählung: in beiden Filmen könnten wir Zeugen an einem Tatort sein, einen Dieb durch die Wohnung begleiten, der suchend die Schränke öffnet und dann, wie in Interieur 0303, im Treppenhaus zur nächsten, surreal identischen Wohnung hinabsteigt.
Verstehst du deine Filme auch als Zeitzeichen, dass ein bestimmtes Konzept von Privatsphäre auf dem Rückzug ist?

Tina Haber: Nach meiner Auffassung beschreibt Privatheit die Augenblicke, in denen wir uns in einen vertieften persönlichen Dialog begeben mit den Menschen und Dingen in unserer nächsten Umgebung, bzw. mit uns selbst, ohne an außenstehende Zuschauer oder Mithörer zu denken.
Auch wenn wir heute im Internet durch die Küchen und Schlafzimmer anderer Menschen surfen können, glaube ich nicht, dass Privatheit als Qualität – im Sinne von Vertrautheit, Zugehörigkeit und Nähe – verloren geht. Aber sie zieht sich zurück, in die Zeiträume und Erfahrungen, die wir nur mit ganz wenigen anderen Menschen teilen.
Meine Filme zeigen nervöse und lückenhafte Momentaufnahmen der beiden Wohnungen. Sobald der Betrachter die Form eines Möbelstückes und seine räumliche Ausdehnung erfassen kann, geraten Teile davon auch schon wieder aus dem Blickfeld. Das in den Wohnungen stattfindende Privatleben ist offensichtlich außerhalb des Bildausschnittes oder des gezeigten Augenblickes angesiedelt. Aus Filmen kennen wir diese Art der Blickführung, die suchend durch einen menschenleeren Raum wandert, als ein Mittel zum Spannungsaufbau, kurz bevor die Handlung an Dramatik zunimmt.
Hier ist die Untersuchung kollektiver Sehgewohnheiten unter Einbeziehung der Malerei das grundlegende Motiv, das auch in vielen meiner anderen Arbeiten auftaucht. Am Anfang der Bildfindung arbeite ich mit Fotos und Filmen. Es folgt ein zeitaufwändiger kontemplativer Malprozess, der geprägt ist von der wiederholten Beschäftigung mit derselben Gegenständlichkeit, und dazu führt, dass sich die Bilder zunehmend ablösen vom ursprünglichen motivgebenden Ort oder Objekt.

Lines Fiction: Du machst viele Skizzen und montierst deine Gouachen zu umfassenden Bildern. Stellst du sie zusammen mit den Animationen aus?

Tina Haber: Ja, denn dadurch wird es möglich, die Fragen an die Beschaffenheit des Bildraumes noch zu erweitern. In den zusammengesetzten Gouachen deute ich, ähnlich wie in den Filmen, einen einheitlichen Bildraum an, der aber lückenhaft bleibt. Durch Ritzen und Knicke im Bildträger, sowie durch den wässrigen Farbauftrag mit verlaufenen und fleckigen Stellen, rücken die Eigenschaften der verwendeten Materialien in den Vordergrund. Der gemalte Bildraum wirkt verformt und instabil, so wie wir es von geträumten oder erinnerten Räumen kennen.

Lines Fiction: Traditionell liegen den Zeichentrickfilmen auch Zeichnungen zugrunde. In der Tat beschäftigen sich nur wenige Maler_innen mit dem bewegten Bild, vermutlich weil da die Geschwindigkeit der Wahrnehmung zwischen den Medien noch weiter auseinander liegt als bei Zeichnung und Animation. Drum ist die Erörterung spannend, wann es doch passt.

In deinen Räumen sehe ich den Grenzfall, der bei Aquarell und Gouache die Zeichnung mit der Malerei verbindet. Ist für dich das Arbeiten mit Malerei, Farbe und Film wesentlich für deine Kunst?

Tina Haber: Ja, da ich von der Malerei aus die Wirkungsweisen unterschiedlicher Medien untersuche. Malerei und Zeichnung transformieren die Bildgegenstände auf andere Weise als fotografische oder virtuelle Abbildungsverfahren. Wasserfarbe auf Papier hat eine eigene Dynamik, es entstehen Pfützen, Flecken und verlaufene Stellen. Wenn sich die vielen getrockneten, leicht gewellten Papierbilder für die Animationen auf meinem Arbeitstisch stapeln, erinnern sie an welkes Laub. Herunter gesegelte Momente, die zusammen mit dem Papier und mit der Farbe altern. Die Digitalisierung und das Onlinestellen dagegen führen zu einer entmaterialisierten Konservierung der Bilder. Durch das Betrachten der Animationen im Internet wird die Gegenwart der gemalten Räume und der bemalten Papiere auf merkwürdige Weise vervielfältigt.

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