Karin Hochstatter - Lines Fiction ★ Zeichnung & Animation ★

Karin Hochstatter

Lines Fiction: Deine künstlerische Arbeit umfasst Zeichnung, Skulptur, Animation und Installation. Wenden wir uns deinen Animationen zu: sie haben keine narrative Struktur, keine Geschichte wird erzählt, sie wirken eher wie energetische Zustandsbeschreibungen. Besteht da ein Zusammenhang mit deinen Zeichnungen?

Karin Hochstatter: Zeichnen ist für mich immer auf den Raum bezogen. Durch Schnitte, Illusionen und Unschärfe wird die Bewegung des Sehens zwischen Fläche und Tiefe provoziert. Die Ambiguität der Linie fesselt mich in allen meinen Überlegungen. Wie kann sie gleichzeitig so bedeutungsvoll, abstrakt und konkret sein? Ich denke ihr immer hinterher.

Meine filmischen Arbeiten und Animationen entspringen direkt aus der Zeichnung. Oft verwende ich analoge Zeichnungen als Ausgangsmaterial. Für mich ist aber wichtig, dass die Zeichnung in diesem Kontext im Hintergrund bleibt und so für den Betrachter nicht mehr als solche nachvollziehbar ist. In vielen Fällen basiert meine digitale Arbeitsweise auf Material aus dem Alltäglichen und Banalen.

Die filmischen Animationen ähneln musikalischen Sequenzen oder Takten. Ich komponiere, baue, zeichne mit Überlagerungen aus Material, Licht und Sounds. Dabei ist das digitale und analoge Experimentieren gleichwertig. Immersion in der Zeitebene, nicht Narration. Die Arbeit sucht keine gegenständliche Thematik, sondern ein Verhältnis zur konkreten Erscheinung der Umgebung. Deswegen bleibt ihr Untersuchungsfeld das singulär Vage, also der Ort zwischen der Form und ihrer Auflösung.

Während sich in der Zeichnung die dunkle Linie als Kontrast zum hellen Hintergrund des Papiers bildet, ist es im Film die Umkehrung als „Lichtlinie“, die sich in die dunkle Fläche einschreibt und durch die Verschränkung von Positiv/Negativ in den Animationen einen eigenen Raum als Licht oder Reflexion freisetzt.

Lines Fiction: Eine filmische Dokumentation zu deiner Kunst wurde betitelt: „Der haltlose Blick“. Ich finde das ist eine gute und zutreffende Beschreibung des komplexen Eindrucks, den deine künstlerische Praxis hervorruft.

Karin Hochstatter: Der Titel „Der haltlose Blick“ für den Dokumentarfilm von Ulla Kellerwessel kommt aus einem Text, den Thomas Wallraff zu meinen Zeichnungen geschrieben hat. In dem er genau beschreibt, wie meine Zeichnungen zwischen Form und ihrer Auflösung changieren. Nichts ist fixiert, sondern kann auch gleichzeitig wieder in das Gegenteil kippen. Der Begriff der Skizze oder des Skizzenhaften charakterisiert recht gut meine künstlerische Haltung: Aus der Skizze transferiere ich Zeichnung in andere künstlerischen Medien (Skulptur, Installation, Fotografie) und versuche eine Bildform des Flüchtigen zu bedingen. Form führt für mich nicht zur Klarheit, sondern im Gegenteil, das Chaos ermöglicht mir erst die Form in meinen Arbeiten. Sie bleiben prozesshaft und fluktuierend. Nahezu Haltlos. Ich brauche diese Richtungsänderungen, um durch eine intensive visuelle Wirkung der sprachlichen Formulierung zuvor zu kommen. Es oft eine heikle Sache, da ich sehr gerne mit Zufällen arbeite und scheitern kann.

Lines Fiction: Zeigst du deine Zeichnungen zusammen mit Animationen auch in Installationen?

Karin Hochstatter: Zeichnungen im engeren Sinne (Arbeiten auf Papier) habe ich bisher selten direkt in eine Installation einbezogen. Aber ein großer Teil meiner filmischen Animationen basiert auf Zeichnungen. Sie sind im Zusammenhang mit dem Raum gedacht, sie werden projiziert und setzen sich direkt in die skulpturalen Elemente. Durch die Bewegung der Betrachtenden entstehen Überlagerungen, die zur aktiven Denotation des Raumes führen. Dabei ist jede meiner Installationen auf den jeweiligen Raum bezogen und nie auf die gleiche Weise wiederholbar. Gerade arbeite ich an einer Rauminstallation „EA“, die aus einer Mehrkanalprojektion bestehen wird. Es werden Animationen aus Zeichnungen und kurze Videosequenzen von historischen wie modernen Innenräumen in ihre linearen Strukturen zersetzt. Sie bilden für mich den Ausgangspunkt für bildliche Anhäufungen und Auflösungen des Inneren und Äußeren. Der dreidimensionale skulpturale Raum wird aus zweidimensionalen Bildern geschichtet und gleichzeitig defragmentiert.

karinhochstatter.de


LiDrAn 2021, Digital Drawing, Computer animation
1:59 min.

karin hochstatter

OT, 2022, Ink, graphite, and carbon copy pencil on paper, 70 x 100 cm

 

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Installation view - Doppler, 2019

 

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Installation view - Zeia, 2019
photo: Muntenbeck

 

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Installation view - Zanfour, 2012
photo:Wittasek

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