Petra Lottje

Lines Fiction: Deine Zeichnungen sind sehr auffällig in ihrem Stil,
du entwickelst das ganze Blatt aus einer einzigen gezeichneten Linie.
Deine neue Zeichnungs-Serie Im Zweifel zeigst du zusammen mit der Animation
Ohne meinen Anwalt, in der man die Gesichter der Menschen vor Gericht vermuten kann.
Wie hast du deinen Stil entwickelt, und wie kam es zu dieser Serie?

Petra Lottje: Mit dem Zeichnen aus einer Linie heraus habe ich bereits während des Studiums begonnen, als ich mich mit der Écriture automatique, dem automatischen Schreiben beschäftigt habe.

Seinerzeit sind ganze Serien mit Text, ganz ohne Satzzeichen und in Versalien, und zeitgleich Zeichnungen aus einem Strich entstanden.
Seitdem ist dies zu meiner liebsten Art des Zeichnens geworden, bei der ich mich auch überraschen lasse. Im Moment des Zeichnens denke ich nicht nach, habe gar keine Zeit um zu überlegen. So entstehen sehr viele Blätter, von denen wenige so gut sind, dass ich sie aus meinem Atelier lasse. Es ist also ein langer Prozess bis zur fertigen Arbeit – die dann unter Umständen in wenigen Sekunden entstanden ist.

In der Zeichnung setze ich den Stift, bzw. zur Zeit die Kohle, nicht ab, definiere Raum und Mensch aus einem Strich und lasse alles weg, was es meiner Meinung nach für diese fokussierte Situation nicht braucht.

Das Strafgericht in Berlin Moabit ist ein besonderer Ort. Die Menschen bewegen sich anders in dieser Architektur… zudem ist unser Blick auf sie anders als auf Passanten in den Straßen.
Jeder hier ist herausgestellt, hat mit dem Gericht „zu tun“.

Für die Ausstellung und Zeichnungsserie Im Zweifel habe ich im Gerichtsgebäude, auf den Gängen und in den Gerichtssälen die Eindrücke von den Menschen dort aufgenommen und in mir gesammelt: die Stimmungen, Emotionen, Körperhaltungen…
Ich zeichnete nicht vor Ort – All diese Eindrücke arbeiten in mir über eine unbestimmte Zeit, manchmal Tage, manchmal Wochen, dann beginne ich zu zeichnen, was dann stundenlang, mit Unterbrechung tagelang gehen kann. Ein Blatt nach dem anderen – bis ich merke: Diese! …Diese Zeichnung trifft zu für eine Situation, wie sie sich in mir herauskristallisiert hat. Dann erst beginne ich, an der nächsten Situation zu arbeiten.

Gesichter, konkrete Rückschlüsse auf die gezeichneten Personen waren bei Im Zweifel nicht wichtig. Anders dagegen bei den Portraits für Ohne meinen Anwalt…, die ich zu dieser Serie gezeichnet und im Anschluss animiert habe.
Beim Betrachten der Animation erkennt man eine Empfindung wieder oder man meint, in bekannte Gesichter zu sehen… Die „gesichtslosen“ Zeichnungen auf Papier bekommen so im bewegten Bild doch noch Persönlichkeit – umgekehrt weisen die Portraits auch darauf hin, dass es jeder Mensch sein könnte, der es mit der Justiz zu tun bekommt.
Die Portraits habe ich so animiert, dass die Gesichter ständig, manchmal auch nur minimal, in Bewegung sind. Das hat eine ganz eigenartige Wirkung. Ein Gesicht reiht sich an das nächste, jeder minimale Augenblick führt zu einem anderen Ausdruck.

Lines Fiction: Du begibst dich nicht nur vor Gericht in existenzielle Bereiche. Auch in der Zeichnung Schwestern ziehen sich feine Zeichnungsfäden von einer Figur zur anderen, in der dazugehörigen Animation Resilienz 1 bewegen sich nur noch die Haare und wehen die herbstlichen Blätter um die Figuren. Resilienz ist ein Begriff aus der Psychologie, der so etwas wie Belastbarkeit, Widerstand gegen Unbill bedeuten kann. Deine Animation wirkt hier wie eine bewegte Momentaufnahme zur Zeichnung.

Petra Lottje: Die Zeichnung Schwestern reduziert sich ebenfalls auf alles Wichtige und verbindet diese Elemente zugleich miteinander – also hier die drei Frauen. Und es stimmt genau so, wie du es in der Frage formuliert hast: Die dazugehörige Animation Resilienz 1 ist eine bewegte Momentaufnahme und auch ein Portrait, ein bewegtes eben. Ähnlich wie es die Portraitzeichnungen bei Ohne meinen Anwalt… auch sind. Es gibt keinen Handlungsstrang, keine weiterhelfende Erzählung.
Die Zeit und der Loop spielen für das Betrachten eine Rolle. Ich glaube, man kann das nachvollziehen: man erinnert sich ja oft an bestimmte Situationen im eigenen Leben – intensive Situationen im Moment und ohne Vor- bzw. Nachgeschichte, dafür aber sehr bewegt. Das wiederum hat etwas mit Resilienz zu tun, mit der Widerstandsfähigkeit, mit der sich Momente, besonders negativ gefärbte, im Nachgang betrachten lassen.
Resilienz steht erstmal als Titel für eine mehrteilige Arbeit. Als Behauptung oder Vermutung – je nachdem. Es sind einige Animationen entstanden, die ähnlich wirken. Sie zeigen Situationen, keine Geschichten. Eher einen Teppich aus situativen Momenten. Wann ich diese Serie als ganze veröffentlichen werde, ist noch nicht beschlossen, sie wächst noch.

Lines Fiction: Diese kurzen Animationen wirken wie Skizzen,
deine preisgekrönte Animation mir fehlt nichts hat daneben eine facettenreich ausgearbeitete Erzählform.     mir fehlt nichts wirkt rein über Bilder und Ton – ohne Sprache – um so eine traumatische Familiengeschichte über drei Generationen hinweg zu erzählen.
Du hast hier bei der Entwicklung der Animation im Team gearbeitet?

Petra Lottje: Als mir klar wurde, dass ich die Geschichte von mir fehlt nichts erzählen werde, habe ich bald gemerkt, dass es in dem von mir gewünschten Umfang ohne Team nicht machbar ist. mir fehlt nichts ist das bislang längste und aufwändigste Animationsprojekt in meinem Werk. Ich hatte dabei Hilfe im Umgang mit den unterschiedlichen Programmen, die wir verwendet haben, der Arbeit mit dem Wacom, bei Musik und Soundgestaltung. Und dann kamen für die Realszenen noch Schauspieler, Kameramann, Beleuchter und Digitalisierungen des Wochenschaumaterials und einiges mehr dazu. Was ich unbedingt wollte: Jeden Strich selber zeichnen! Allein die Hintergrundbilder der Anfangsszene stammen aus anderer Hand, wobei es natürlich Elemente gab, die mir wichtig waren. Ich wollte alles verstehen, was ich tue, was getan wurde, wieder und wieder hinschauen und genau abwägen, was ich wie zeigen werde. Das war dann, trotz des Teams, viel intensive Arbeit mit mir allein. Eigentlich habe ich rund zwei Jahre fast nichts anderes getan, als zu jobben und mir fehlt nichts zum Laufen zu bringen. Die Geschichte ist so heikel, dass ich allergrößte Sorgfalt bei jeder Szene angewandt und nichts dem Zufall überlassen habe. Ich wollte einen Film machen, der unmissverständlich eine wahre Geschichte in modifizierter, verdichteter Form erzählt. Auch hier haben die Charaktere keine Gesichter, wie in den meisten meiner Zeichnungen, wie auch bei der Serie Im Zweifel. Sie haben auch keine Stimmen, sind möglicherweise austauschbar, nicht sicher zu identifizieren. Die Figuren in mir fehlt nichts sind vereinfacht, aber nicht aus einem Strich. Als ich schließlich mit dem Characterdesign fertig war habe ich mich für eine andere Art des Zeichnens entschlossen. Die ersten Vorzeichnungen zu dieser Animation sind noch aus einer Linie, ich behalte sie aber als Material zum Film in der Schublade.

lottje.de

Ohne meinen Anwalt, 2018
charcoal
21 digitally animated portraits
2:14 minutes, Loop

Petra Lottje

 

Petra Lottje

Petra Lottje

Drawings and Detail from the exhibition Kein Zweifel (no doubt),
Kunstverein Neukölln, 2018

Petra Lottje


 

Resilienz 1, 2018
Animation
0:09 minutes, Loop

 

Petra Lottje

Schwestern (sisters), charcoal drawing on carton, 84,1 x 59,4cm, 2018

 

mir fehlt nichts (I don't miss anything), 2014
Animation
12:38 minutes
Musik / Music: Norbert Riechmann
Siegel Praedikat wertvoll

Top