Nicole Wendel

Lines Fiction: Auf dieser Website werden bewegte Bilder als Animationen mit Zeichnungen vorgestellt. 
Du arbeitest nun aber einerseits mit Live Performance, in der Zeichnungen entstehen, andererseits allein im Studio mit Zeichnungen, auf denen auch Spuren von Gesten, Hand- und Fußabdrücke zu sehen sind.


Ich möchte mich mit dir über die unterschiedlichen Formen der Präsentation unterhalten, und der in in der Präsentation enthaltenen Energie und Bewegung.
Eine Performance besticht durch ihre Unmittelbarkeit und Körperlichkeit, die man als anwesendes Publikum intensiv miterleben kann, als bewegtes Bild in Echtzeit.

Wie unterscheiden sich nun deine Zeichnungen, die im stillen Studio entstanden sind von denen, die durch Gesten in Performances entstehen?


Nicole Wendel: Meine Zeichnungen im Atelier – wie: Panorama (1/2017) – entstehen in tagelanger, oft auch monatelanger Arbeit. Man tritt ihnen als Betrachter einerseits ganz physisch gegenüber, weil sie oft eine große Dimension haben, und gleichzeitig erforscht man sie mit dem Auge langsam, weil sie in ihren Strukturen sehr verdichtet sind. Die teilweise sichtbaren Hand- und Fußspuren referieren mögliche Bewegungsabläufe.

Bei den Zeichnungen, die in meinem Atelier entstehen, gibt es verschiedene Prozessebenen – impulsivere, wie bei den Performances, und langsame, konstruierende. Sie verdichten sich wechselseitig in einen vielschichtigen Bildraum.

Um im Studio zu zeichnen, brauche ich eine präzise Vorbereitung. Der Bewegungsimpuls für erste zeichnerische Gesten entstehen dann aus einer Haltung des Sich-selbst-Zuhörens im jeweiligen Moment. Diese ersten Improvisationen, Graphitstaub- und Bleistiftspuren auf dem Papier, folgen also einer intuitiven Logik, einem Rhythmus in Raum und Zeit. Die entstandenen Formen sind dann wiederum Ausgangspunkt für ein reflektierendes und analysierendes Lesen dieser Spur, um weitere Bildkompositionen zu ermöglichen.

Es entsteht quasi ein Dialog zwischen gestisch-abstrakten Ebenen und gegenständlichen Strukturen, die sich gleichwertig im Bildraum begegnen, sich gegenseitig reflektieren. Der performative Anteil meiner zeichnerischen Prozesse im Studio brachte mich erst dazu, über Formen und Choreographien der Zeichnung nachzudenken und es war dann ein naheliegender Schritt, diese auch öffentlich stattfinden zu lassen.

Lines Fiction: Siehst du deine Zeichnungen, die in der Performance entstehen als eigenständige Werke oder als Relikte der Performance?


Nicole Wendel: Die Frage nach der Eigenständigkeit als Kunstwerk ist interessant bei der in einer Performance entstandenen Zeichnung, die dann auch Dokument der stattgefundenen Handlung ist.

Eine Performance wie The Circle konzentriert sich ausschließlich auf die Bewegung und arbeitet mit der daraus resultierenden Kreidespur auf einer Tafel, die am Ende Teil einer Installation wird. Deshalb ist hier für das Nachvollziehen der performativen Zeichenprozesse auch der Film sehr geeignet.

In meiner letzten Einzelausstellung Présence in Colmar habe ich für die Halle die Performance The Circle entwickelt. Die Größe der schwarzen Fläche (4 x 4m), auf der ich mich bewegte, nahm die Dimension der Architektur, der dahinter stehenden Wand auf. Mit dem Einsatz meines ganzen Körpers zeichnete ich zur Ausstellungseröffnung einen Viertel-Kreis aus Kreide auf eine 180 x 180 cm große Tafel und begann dann, auf dieser Zeichnung über die schwarze Stoff-Fläche im Kreis zu gehen. Es entstand ein vollständiger Kreis aus weißen Kreide-Spuren. Wesentlich für die Konzentration während der Performance war unter anderem die Komposition eines Sounds von Yohei Yamakado. Das Publikum und meine Handlung wurden in diesem akustischen Raum gleichermaßen getragen.

Lines Fiction: Kann man die Performance mit der Kamera so aufnehmen, dass der Film danach ein eigenständiges Kunstwerk ist oder verstehst du diese Aufnahmen als Dokumentation?


Nicole Wendel: Beides, die entstandene Zeichnung und das Filmdokument ergänzen sich in der Installation, wobei die Performance für mich immer noch das eigentliche Werk darstellt. In meinen Performances geht es inhaltlich um das Lebendige, das Verletzliche und letztlich um das Vergängliche, deshalb steht jede Art von Dokumentation eigentlich im Widerspruch dazu.
Dennoch finde ich es wichtig, die bei einer Performance entstandenen Zeichnungen wie eine Installation im Raum wirken lassen zu können. In ihnen ist schließlich der Inhalt, die Zeit und die Energie dieser Handlung, aufgezeichnet.
Nach der Performance in Colmar habe ich also die Kreide-Tafel an die dahinter liegende Wand gelehnt, damit eine eigenständige Bildhaftigkeit betont, und es ergab sich eine Leerstelle auf dem Boden, die den Betrachter zur visuellen Ergänzung aufforderte. Es war mir ebenso wichtig, im weiteren Verlauf der Ausstellung zu dieser Installation den dokumentierenden Film der Performance zu zeigen.

In meiner ersten Zeichnungsperformance Tafel 1 und Tafel 2 habe ich meinen bisherigen zeichnerischen Prozess umgekehrt, indem ich zwei Landschaftsbilder von Caspar David Friedrich als Vorlage verwendet und diese als Kreidezeichnungen auf je eine Tafel übertragen habe. Gleichzeitig entstand aus diesem Prozess ein Stop-Motion-Film. Das Konzept der Performance war, dass ich barfuß über eine Tafel gehe und damit die Zeichnung durch die entstehenden Spuren umwandle. Die andere Tafel habe ich mit meinen Händen ertastet und die Zeichnung dadurch ebenso verändert.

Für mich war die Vorbereitung auf diese Performance ein Schlüsselerlebnis in meiner künstlerischen Arbeit. Über eine Woche lang bin ich barfuß über Wiesen und durch Wälder gelaufen und habe sehr bewusst die Dinge berührt, um dann die aufgeladenen sensorischen Erlebnisse in der Performance wieder abrufen zu können. Das war für das Publikum nicht sichtbar und dennoch in der Konzentration, die sich zwischen dem Publikum und mir gebildet hat, erfahrbar. Die Zeichnungen waren für mich erst nach der Performance mit dem Moment ihrer vermeintlichen Zerstörung vollendet. Gleichzeitig wurden sie damit zum Relikt der Performance.

Der Film, der daraus entstanden ist, ist teils Animation, teils Dokumentation der Performance. Als solcher funktioniert er daher sehr wohl eigenständig.

Die Kreide-Tafeln sind ebenso als Relikte der Performance zu verstehen und lassen sich als solche nur sehr schwer konservieren. Deshalb kam ich auf die Idee, die Tafeln hochauflösend zu fotografieren und diese als Edition auszudrucken. Diese Foto-Tafeln haben eine ganz eigene Aura, weil sie nicht aussehen wie ein Foto, sondern eben wie Tafeln mit einer Kreidezeichnung. Das Material, der Duktus der Kreide, wird auf ihnen sehr haptisch. Sie lassen sich natürlich auch viel leichter handeln als die ursprünglichen Tafeln. Aber sie funktionieren meines Erachtens nur im Zusammenspiel mit dem Film, der sich wiederum eindeutig auf die Performance bezieht.

Als eigenständiges Werk lässt sich der Film Rhythm & Turn verstehen und das, obwohl er ebenso bestimmte Bewegungen dokumentiert. Hier konzentriere ich mich vor allem auf den Gestus meiner Armbewegung und die aus dieser Bewegung resultierenden Spuren. Sound, Bewegung und die sich verdichtende Zeichnung entwickeln im Film, besonders durch seine rhythmischen Schnitte, einen ganz eigenen Sog, der fast schon meditativ wirkt.

Lines Fiction: Die Dokumente deiner Performances befinden sich somit im gleichen schillernden Bereich, wie die Relikte der Aktionen von Josef Beuys. Zurück zu den Zeichnungen, die in deinem Studio entstehen. Sie zeigen, collagenartig ineinander geblendet, außer kleinen Landschaftsszenen und geometrischen Mustern auch Spuren deiner Hände wie Spuren einer Performance ohne Publikum.

Nicole Wendel: Ganz grundsätzlich sind die Zeichnungen, die im Atelier entstehen durchaus wieder Impulsgeber für neue Performances, für Filme oder andere Ideen. Aktuell denke ich gerade über einen Animationsfilm nach, der eine Mischung aus performativen Aspekten und zeichnerischen Bildräumen zeigt, die sich gegenseitig bedingen. Aus meinen zeichnerischen Prozessen ist z.B. auch die Idee für Rhythm & Turn entstanden. Das Dialogische in meinen Zeichnungen und Performances ist eine Grundstrategie für meine künstlerischen Prozesse, in der sich all meine genutzten Medien und Ausdrucksformen gegenseitig bedingen. Ebenso lässt auch der collaborative Austausch, der über meine Performances zwischen den verschiedenen Künstlern und mir existiert neue Formen entstehen, und damit wurde auch das Collaborative in meinen Prozessen für mein künstlerisches Selbstverständnis zunehmend zentral.

nicolewendel.de

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The Circle
HD-Video
5:32 min
Concept and Performance: Nicole Wendel
Sound: Yohei Yamakado
Camera and Editing: Jérôme Ballack
Second Editor: Daniel Meiner
2017

Animation in großer Auflösung
Animation in high resolution

Animation für Mobilphon
Animation for mobile devices

Visual Notes Archive

The Circle, White Charcoal on Black Fabric 4 x 4m
White Charcoal on two Black Boards 180 x 180cm
2017
l'Espace d'Art Contemporain André Malraux, Colmar

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Visual Note

Nicole Wendel, Panorama (1/2017), Graphit auf Papier, 82 x 150cm, 2017

Collage

Performance Tafel 1, Scotty Enterprises, 25.07. 2014

Collage

Tafel #1, 100 x 220cm, Kreide auf Holztafel 2014

Visual Note

Tafel #2, 100 x 220cm, Kreide auf Holztafel 2014

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Rhythm & Turn
HD-Video
6min
Drawing and Concept: Nicole Wendel
Camera and Editing: Daniel Meiner
2017

Animation in großer Auflösung
Animation in high resolution

Animation für Mobilphon
Animation for mobile devices

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