Lara Faroqhi

Lines Fiction: Deine Zeichnungen begründen sich auf die ornamentale Auffassung in der islamischen Kunst. In ihrer Nichtgegenständlichkeit folgen sie weniger einem abstrakten Ansatz, als dass sie sich sich konkret auf eine mathematische Herangehensweise beziehen, richtig?

Lara Faroqhi: Ich interessiere mich weniger für einen ästhetischen Kunst-Dialog, sondern dafür, wie mich eine Zeichnung mit der Welt verbindet. Wenn eine Zeichnung gut läuft, ähnelt sie dem Raum, der sich als Kind beim Spielen auftat. Das Spielen wie auch das Zeichnen sind ganz selbstverständliche Wege, uns mit der Welt zu verbinden; ganz nebenbei können wir uns dabei mit kleinen und großen Problemen auseinanderzusetzen. Als Kinder bauten meine Schwester und ich uns eine Fantasiewelt um unseren indisch-muslimischen Großvater, den wir nie trafen und über den unser Vater nicht viel sprechen wollte. Aber das Fehlen einer Geschichte kann neue Geschichten hervorbringen. Die endlosen Muster verkörpern eine solche Geschichte. Auf einer weiteren Ebene sprechen die Muster von der komplexen Idee einer Einheit, (man kann sie “Gott” nennen), die gestört, verletzt, gebrochen ist.

Lines Fiction: Wenn du in von Störungen sprichst, die in deinen Zeichnungen sichtbar werden, dann bezieht sich das auf ein gefährdetes Ganzes, das du mit deinen Zeichnungen bannen möchtest?

Lara Faroqhi: Ja, das ist, was die Alignment Zeichnungen als Grundlage haben. Wie geht man mit Kontrollverlust, mit Zerstörung, Verlust und mit daraus resultierendem Chaos um? Ich brauchte die Zeichnungen, um diese Konflikte zu veräußerlichen. Indem ich die mathematischen Konstruktionen überdruckte, sie bewusst durcheinander brachte, störte ich ihre übergeordnete Ordnung, hinterfragte sie. Danach vergrößerte ich diese „Fehler“ und zeichnete eine Schicht über die nächste, betonte und übertrieb sie damit immer mehr. Ein neues, chaotisches Muster entstand. Paradoxerweise gab mit das Aufeinanderschichten dieser Störungen die Möglichkeit, meinen Konflikt zu überwinden, vielleicht, weil er eine Form fand, durch den der Prozess des Zeichnens, meine Auseinandersetzung damit, sichtbar wurde. Unter der Zeichnung habe ich einige Kapitel aus Susan Sontags Essay Krankheit als Metapher abgedruckt, in dem sie die beiden bedrohlichsten Krankheiten der letzten Jahrhunderte, (Tuberkulose und Krebs) miteinander vergleicht und ihre Mythen zu entwirren sucht, die sich um diese Krankheiten gebildet haben. Auch in meinen Zeichnungen nutze ich diesen Auflösungsprozess, indem ich Bilder von Brüchen zeige und damit die Macht und die Angst vor Auflösung durch Chaos zu entmystifizieren suche.

Lines Fiction: In deinen Zeichnungen scheinen schon musikalische Strukturen auf, in deinen Animationen ist das musikalische Thema dann umso präsenter.
Die Animation ist nicht einfach vertont, sondern die Musik prägt die Bilder. Interessanterweise tauchen in deiner Animation Four Steps ganz gegenständlich gezeichnete Treppenstufen auf, die dann ebenso verwehen, wie die Töne, Bilder und die Baumkonturen. Wie hast du da begonnen?

Lara Faroqhi: Der Film beschreibt viele Dinge, die in anderen meiner Arbeiten präsent sind. Four Steps | Vier Stufen handelt von Bewegung, vom Gehen (das Wort passacalgia kommt vom spanischen „pasear por la calle“, was soviel wie „durch die Straßen gehen“ bedeutet). Ich wohne in einem typischen Altbau im obersten Stockwerk, steige täglich vier Treppen runter und wieder hoch und bin dabei oft voll beladen (das heißt, die Treppenstufen müssen sorgfältig genommen werden, es bleibt Zeit zum Beobachten). Während meiner Wege habe ich etwas Seltsames festgestellt: gehe ich eine Treppe hinunter, laufen die Stäbe des Geländers entgegen meiner Laufrichtung auf mich zu, gehe ich nach oben, laufen die Stäbe nach unten. Die „Gehbewegung“ der Passacaglia wird im Film dadurch beschrieben, dass ich die Seiten meines Skizzenbuches durchblättere und tagebuchartige Notizen zeige, manchmal grobe, manchmal ausformuliertere. Das Blättern zeigt eine Bewegung wie von einem Gedanken zum anderen; es ist außerdem wie eine kurze Pause zwischen zwei musikalischen Phrasen. Als ich den Film drehte (der 1,5 Jahre dauerte), war mir egal, wenn technische Unvollkommenheiten wie ein verschwommenes Bild oder ein Sonnenfleck auf dem Papier mit in die Aufnahme kamen. Im Gegenteil, diese „Fehler“ bereichern den Film. Denn es geht ja nicht nur um den Prozess des Entstehens, sondern auch um den Prozess des Schauens (des Suchens und Findens) und sich wiederholender Blicke (so dass ein Baum verschiedene Erscheinungsformen haben kann). Ebenso wichtig ist der finale Schnitt (den ich mit meiner Zwillingsschwester Anna Faroqhi machte). Wir haben uns den Rhythmus der verschiedenen visuellen Frequenzen angesehen und wie diese miteinander zusammenhängen. In Bezug auf die Musik soll das Bild nicht einfach begleiten oder Klänge verbildlichen. Darum ist eine Animationsfrequenz manchmal bewusst langsamer oder schneller gesetzt als die Musik. Eine Spannung baut sich auf, die Musik und Bild ihren eigenen Raum gibt.

faroqhi.de

Four Steps | Vier Stufen
2020, 8:42 Min., Farbe, Stereo-Ton, Digital file, 1:1,66

Violin | Violine: Juliane Manyak
Music | Musik: Heinrich Ignatz Franz Biber "Passacaglia für Violine solo"
aus dem Anhang der „Rosenkranz-Sonaten“
Audio Engineering | Tontechnik: Robert Niemeyer
Cut | Schnitt: Anna Faroqhi

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Four Steps | Vier Stufen Still

 

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Four Steps | Vier Stufen Still

 

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Four Steps | Vier Stufen Still

 

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