Nikolaus Gansterer

Lines Fiction: Deine Zeichnungen auf Papier, ob schnell erfasst im Skizzenblock oder ausgearbeitet und raumgreifend präsentiert, verweisen immer auf etwas, das nicht ganz fassbar und in Transformation ist. Ist dieser geistige Zwischenraum das Movens für deine Kunst?

Nikolaus Gansterer: Ja die Faszination für das Ephemäre und Transitorische zieht sich durch meine ganze künstlerische Praxis. In Erweiterung von Paul Klee könnte man sagen es geht mir nicht darum das Sichtbare zu zeichnen, sondern das Unsichtbare zu zeigen – ohne dabei Welt(-erfahrung) mimetisch abzubilden oder zu illustrieren. Unausweichlich kommt man dabei dem Flüchtigen des Sinns auf die Spur. Tangential wie auch taktil, dabei bin ich sicher zum Teil beeinflusst von phänomenologisch-enaktivistischen Ansätzen. Den Dingen und den Be-dingungen auf den Grund gehen und deren Beweg-gründe ergründen. Da bleibt immer ein unnahbarer Rest. Muss bleiben. Der ist ja im Grunde das Wesentliche. Diesen aber mit künstlerischen Mitteln zu aktivieren, zu animieren– darin liegt meine Kunst.

Lines Fiction: Die Nähe deiner Zeichnung zu Diagrammen, die etwas veranschaulichen, wird deutlich in den bewegten Bildern. Du benutzt Kreide auf Schiefertafeln, wie einst Beuys, aber dennoch sind deine performativen Animationen weniger kryptisch oder didaktisch, als vielmehr vergnüglich und erhellend. Ist dir das Absurde und die Komik als Mittel der Erkenntnis wichtig?

Nikolaus Gansterer: Im Grunde fing für mich ja alles mit dem Zeichnen und der Selbstbeobachtung dabei an. Oft filme ich mich dabei von oben. Was tue ich wenn ich etwas tue? Was passiert da eigentlich? Die Linie im Werden nachverfolgen. Denn plötzlich ist sie dann nicht nur mehr am Papier lokalisiert, sondern sowohl im Stift als auch in den Fingerspitzen, der Hand, der Schulter, am Sessel, im Arsch, im Aug, im Ohr und überall im Um-raum. die Um-welt als ‚movens’, die immer mit-wirkt und somit auf gewisse weise mit-zeichnet. Das Zeichnen zeichnen. Nicht ich zeichne, sondern es zeichnet (mich). Das ist auch immer ein kleiner aber grosser Balanceakt. Der Akt des Zeichnens fungiert für mich wie ein „Öffner“ um einzutauchen in dieses vibrierende Netzwerk der unzähligen Verbindungslinien eines Dings, eines Ortes, einer Situation, einer Atmosphäre. Ich spreche von diesem fluiden geistigen Zustand beim Zeichnen, aber auch dem körperlich gefühlten Zwischen-raum. Naja, lange Rede, kurzer Sinn. All das findet sich dann wieder in meiner künstlerischen Auseinandersetzung mit inneren Prozessen, Gedankengängen, Wahrnehmungsabläufen. Im Wechselspiel zwischen Sinnwerdung und Formwerdung und Übersetzungen in diagrammatische sowie performative Formate.

Zeichnen ist für mich eben ein durch und durch relationaler Prozess. Mehr Ein-schreibung, als Be-schreibung, mehr Auf-zeichnung als Be-zeichnung. Die Frage der Notation spielt für mich eine wichtige Rolle. Ver-an-schaulichen? Naja das ist tricky – jedenfalls nicht im re-präsentativen Sinn von „so ist es“. Zeichnen ist ein komplexer choreographischer Akt des Sinn-machens … (wobei Un-sinn darin mindestens genauso wichtig ist!). Auch das Unterlaufen von Denkschulen und -schemata ist mir wichtig. Ja da gibt es ein Spielen mit Formen des Didaktischen, aber lustvoll-subversiv, weder dogmatisch noch belehrend oder gar pseudo-schamanistisch. Mit Kreiden zu arbeiten beinhaltet das Ephemäre im Medium selbst und reflektiert auch die Tafel als Kommunikationsort und analogen Wissensspeicher. Humor ist bei all der Suche nach Sinn und dem Sinnlichen für mich zentral. Einerseits als Möglichkeit quasi „Kurzurlaub“ von sich selbst zu nehmen, aber auch kritische Distanz zu unserer so anthropozentrischen Modus, in der Welt zu sein. Erkennen kann ja in sehr unterschiedlichen Gewändern zu einem kommen. Beim Lesen eines Buches, in der Beobachtung der Natur, in der Begegnung mit anderen Lebewesen oder in einem guten Witz!

Lines Fiction: Das Performative in deinen Filmen, das hörbare Aufschreiben mit Kreide, das Weglöschen von der Tafel und das allmähliche Trocknen der Schwammspuren bieten viel Raum zur Betrachtung. Siehst du deine Zeichnungen auf Papier daneben als eigenständiges Ergebnis eines Prozesses an oder als Material aus der Vielfalt der Medien, die lediglich bei einer Performance eingesetzt werden?

Nikolaus Gansterer: Ich erlebe meine Arbeiten mehr wie kommunizierende Gefäße. Zwischen den Installationen, den Skizzen hin zu Performances, meinen Zeichnungen, ob gross oder kleinformatig oder den Animationsfilmen oder aber auch dem Schreiben eines Textes herrscht reger Austausch, animiert sich gegenseitig. Jedes für sich ist Artefakt und Dokument eines Prozesses. All das Rundherum spielt mit, gehört dazu, beeinflusst , per-formt. Das lässt sich in den Videoarbeiten und Performances unmittelbar erleben. Und ja, meine Werke können alle gekauft werden.

gansterer.org

Translecture
2014, 18:47 Min.
Performance

nikolaus gansterer

Drawing-as-Thinking, translecture-performace, 2014

 

nikolaus gansterer

Space in a Space with the Traces of its own Making, 2018, Performance Affair, Brussels

 

nikolaus gansterer

Choreo-graphic Figures Diagrams, Figure of Vibrating Affinity II, 2017

 

nikolaus gansterer

Following the Fold, installation view, 2019, Talbot Rice Gallery, Edinburgh

nikolaus gansterer

Drawing as Thinking in Action, installation view, 2019, Drawing Lab, Paris

nikolaus gansterer

Between the lines of drawing and thinking, wall drawing and mobile sculpture, 2019, Drawing Lab, Paris

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