Soyon Jung

Lines Fiction: Deine Tiefdrucke aus der Serie „Futur II“ erinnern beim flüchtigen Hinsehen an Radierungen mit Motiven der Hochromantik, ein Blick auf menschenleere Landschaften und Ruinen. Nur sind es beim genaueren Hinsehen die Ruinen moderner Headquarter von Amazon und Google, die da verfallen und von der Natur überwuchert werden. Du schaffst also im kunsthistorischem Rückgriff das irritierende Bild einer dystopischer Zukunft. Wie bist du auf deine Thematik gekommen?

Soyon Jung: Die Romantik ist nur einer von verschiedenen kompositorischen Referenzen, aber mein Grundinteresse hat noch etwas anderes mit der Romantik gemein: die Faszination für Ruinen. Sie schmuggeln Vergangenheit ins Hier und Jetzt – ganz absichtslos und auf scheinbar natürliche Weise. Der Charakter einer Ruine, der zwar immer etwas Morbides hat, gibt ironischerweise aber auch Raum, das Neue zu denken. Durch die schleichende Übernahme der Natur tritt die Vergänglichkeit allen menschlichen Schaffens hervor. Auch ästhetisch: die „ewig“ wuchernde Natur in den Horizontalen, die menschliche Kultur in den stets einsturzgefährdeten Vertikalen. Statt aber im populären Sinne der Romantik sentimental zu werden und eine Wiederverzauberung der Welt zu beschwören, geht es mir in „Futur II“ ganz pragmatisch um die Vergänglichkeit von Macht. Die Ruine verschafft mir den Abstand um utopisch zu werden: eine Welt ohne Google, ohne Samsung, ohne Korruption und Ausbeutung… Vielleicht kommt der Fortschritt ja als Verfall.
Auf eine Art ist die Dystopie Ausdruck unserer Zeit: Der Untergang der Welt erscheint uns wahrscheinlicher als die Überwindung des Kapitalismus. Aber düstere Bilder von brennenden Wäldern, tribalistischen Bürgerkriegen oder digitaler Totalüberwachung gibt es genug. Ich meditiere mich in meinen Zeichnungen in eine Zeit nach dem Kollaps. Da kann ich besser atmen.

Lines Fiction: Tiefdruck ist im Vergleich zur Zeichnung ein Verfahren, das Zeit und Technik beansprucht, bevor man ein Ergebnis hat. Was reizt dich an dieser Arbeitsweise?

Soyon Jung: Genau darin liegt der Reiz für mich. Man könnte denken, der Aufwand des Verfahrens würde aus der Zeit fallen, die ja eher auf Beschleunigung und effektives Multitasking ausgelegt ist. Ich bin in Südkorea aufgewachsen, wo der Alltag in noch extremerer Weise von diesem Anspruch durchdrungen ist. „Schnell, schnell!“ (빨리빨리), ist ein Ausdruck, den man überall zu hören bekommt. Er hat sich tief eingebrannt in mein Bewusstsein. Durch die Komplikation des handwerklichen Verfahrens zwingt mich die Radierung zu vermeintlich ineffektiven Unterbrechungen. Ich genieße das. Meine Linie hat eigentlich ein hohes musikalisches Tempo und will am liebsten immer weiter abstrahieren. Durch den nüchternen Abstand, den die Produktionsschritte einer Radierung erfordern, kommt auch mein Anspruch an Konzeption und Komposition zu seinem Recht. Insofern hilft mir die Technik, diese beiden Zugänge in jedem Bild wieder aufs Neue zu verheiraten. Darüber hinaus liegt im Herstellungsprozess selbst etwas Ruinenhaftes. Die gedruckten Linien sind am Ende schließlich Folge eines Ätzprozesses, bei dem sich Teile einer Zinkplatte auflösen.

Lines Fiction: Das Hintergrundbild deiner Animation „Aufstand der Lageristen“ ist einer deiner Tiefdrucke, dessen Ansicht so multiperspektivisch ist, dass er an die Carceri d’Invenzione, die erfundenen Kerker von Giambattista Piranesi erinnert. Im Vordergrund schweben menschliche Figuren, die als Lageristen vorgestellt werden. Ihr Aufstand erscheint wie ein Zerfließen und Zerbröseln. Ist ihre Existenz vergeblich?

Soyon Jung: Nein. So wie die Ästhetik der Ruine in Serien wie „Futur II“ oder „Aushungern und demoralisieren“ nicht Ausdruck einer dystopischen oder kulturpessimistischen Weltsicht sind, sondern ihr Gegenteil. Die Figuren sind zwar auch auf eine Art ruiniert und wirken, als würden sie sich auflösen. Aber sie schweben auch. Für mich ergibt sich daraus eine Zärtlichkeit, die sich gegen die Brutalität von Arbeitsbedingungen auflehnt, die man vielleicht aus der Gebäudelandschaft im Hintergrund und ihren Arbeitsanzügen von Amazon, Coopang oder CJ-Logistics herauslesen kann. Beim Animieren dachte ich manchmal an eine Art schwereloses Ballett, dessen Langsamkeit alle Betriebsamkeit aushebeln könnte. Inspiriert zu dem Film hat mich das Gedicht „Nebel“ von Ki Hyoungdo, in dem er die Schattenseiten der wachsenden koreanischen Wirtschaft der 1980er-Jahre aufgreift. Das Gedicht beschreibt trocken und in wenigen poetischen Details, was damals in Südkorea ein verbreitetes Phänomen war: Produktionsstandorte wurden meist in armen ländlichen Regionen errichtet. Oft stand die komplette Dorfbevölkerung in einem ausbeuterischen Abhängigkeitsverhältnis zu einer einzigen Fabrik. Bei ihm ist es der Nebel, der sich über das ganze Dorf legt, und einerseits wohl die erdrückende Enge der Verhältnisse symbolisiert, aber vielleicht auch etwas, das größer ist als diese Verhältnisse und in ihren Gemäuern heimlich Schimmel wachsen lässt. Heute gibt es in Korea nur noch wenige dieser Fabrik-Dörfer, aber wie in den meisten Großstädten dieser Welt gibt es Heerscharen von prekär lebenden Arbeitern, oft im Dienstleistungssektor, die ihre Freiheit hintanstellen müssen und nur darauf hoffen können, dass diese Verhältnisse Schimmel ansetzen oder ein Aufstand sie niederreißt.

soyonjung.de

Aufstand der Lageristen
2021, Länge variabel
no Sound

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soyon jung

Stadtmauer Johannesburg, 2020,
aus der Serie Aushungern und demoralisieren,
Radierung auf Büttenpapier, 29 × 21 cm

 

soyon jung

Google Android Sculpture Garden, Mountain View, 2015,
aus der Serie Futur II,
Radierung auf Büttenpapier, 66 x 45 cm

 

soyon jung

Amazon-Logistikzentren, 2020,
aus der Serie Futur II,
Radierung auf Büttenpapier, 35,6 x 49,7 cm

 

soyon jung

Aufstand der Lageristen, 2021,
Radierung auf Büttenpapier, 43 x 69 cm

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