{"id":3522,"date":"2023-09-04T13:43:12","date_gmt":"2023-09-04T12:43:12","guid":{"rendered":"https:\/\/linesfiction.de\/lfd\/?page_id=3522"},"modified":"2023-10-01T17:34:04","modified_gmt":"2023-10-01T16:34:04","slug":"zeichnung-performance","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/linesfiction.de\/lfd\/roots-networks\/zeichnung-performance\/","title":{"rendered":"Performance &#038; Zeichnung"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Lines Fiction: Performance Art hat sich ja seit ihrer Entstehung in den 1960er Jahren immer wieder neu definiert. Was zeichnet f\u00fcr euch eine Performance aus?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Katja Pudor: Meiner Auffassung nach wird ein k\u00fcnstlerischer Prozess durch die unmittelbare Pr\u00e4senz der K\u00fcnstlerin und durch die Anwesenheit von Publikum zu einer Performance.<\/p>\n\n\n\n<p>Stella Geppert: Es geht f\u00fcr mich um die Bewusstmachung eines bestimmten Moments. Bei meiner Performance werden meist R\u00e4ume des Por\u00f6sen, des Zerbrechlichen, des Eintauchens und der Hingabe zur \u00dcberwindung eines Egos geschaffen &#8211; mittels organischer \u00dcbertragungen, wie Rhythmik der Atmung, Plastizit\u00e4t des Riechens, G\u00e4hnens, Lachens, Weinens. <\/p>\n\n\n\n<p>Nicole Wendel: Performance ist immer etwas Lebendiges und entsteht in einem bestimmten Blickfeld, aus einem zuvor von mir erarbeiteten Score, dem ich mich widme.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lines Fiction: Dann braucht eine Performance also ein anwesendes Publikum?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nicole Wendel: Nicht zwingend. Eine Performance stellt jedoch immer auch einen Zusammenhang zum Sehen bzw. Wahrnehmen her. Wo beobachte ich mich im eigenen Agieren, wo bin ich Zeugin und gleichzeitig Performerin.<\/p>\n\n\n\n<p>Katja Pudor: Eine performative Arbeit ist konzeptionell darauf ausgerichtet, dass das Publikum passiv oder aktiv an einer Performance teilnimmt, finde ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicole Wendel: Das Setting ist die Grundlage f\u00fcr jede Performance, und die kann dann auch ohne Publikum ausgef\u00fchrt werden. Sowohl der Ablauf, als auch das Ergebnis sind dann performativ.<\/p>\n\n\n\n<p>Stella Geppert: Ich denke, ohne Empfang keine Sendung. Der K\u00f6rper ist immer anwesend. Ich bin zu Gast und sie sind zu Gast, und wir sind als Gast im Raum zusammen anwesend.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lines Fiction: Nehmen wir an, es ist kein Publikum dabei, was unterscheidet eine Performance dann von einem anderen Herstellungsprozess beim Zeichnen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nicole Wendel: Ich w\u00fcrde hier vor allem die Art der Konzentration als wesentlichen Unterschied sehen. Wenn ich vor Publikum und mit dem Publikum zeichne, sind alle Zwischenschritte und Regungen Teil der Performance, und selbst das Bewegen eines Blatt Papiers beim Umbl\u00e4ttern bekommt seine spezifische Aufmerksamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Stella Geppert: Ohne Publikum wird die Zeichnung eine Art \u201eArch\u00e4ologin der Pr\u00e4senz\u201c, in der energetische Zust\u00e4nde des K\u00f6rpers und r\u00e4umliche Zusammenh\u00e4nge mit dem Material und Tr\u00e4germaterial verhandelt werden. Gesten und Ber\u00fchrungen werden im Abdruckverfahren als Spuren sichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Katja Pudor: Ist kein Publikum dabei, kann ja auch eine Filmaufnahme entstehen, und die Performance geschieht dann entweder zur Dokumentation oder zu einer k\u00fcnstlerischen Arbeit im Medium Film.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lines Fiction: Was ist also das Wesentliche in eurer Performance mit Zeichnung?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Katja Pudor: Die Performance als Arbeitsformat erlaubt es mir, die bildnerischen Prozesse in ihren zeitlichen und r\u00e4umlichen Dimensionen ganz unmittelbar offen zu legen. Ich arbeite mit einem Setting, in dem es m\u00f6glich ist, die Zeichnung immer wieder zu \u00f6ffnen und das kompositorische Vorgehen flexibel zu halten. <br>2020\/21 habe ich w\u00e4hrend des Lockdowns die Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven in Zeichnung \u00fcbersetzt. Seitdem ist Musik\/Sound fester Bestandteil meiner performativen Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Stella Geppert: Ich arbeite mit K\u00f6rperprothesen und K\u00f6rperkonstruktionen und stelle so die Frage, wie wir kommunizieren k\u00f6nnen, ohne die Sprache zu verwenden. Meine Zeichnungen sind taktile Ber\u00fchrungen, die unbewusst bis beil\u00e4ufig entstehen, zum Beispiel beim Reden, Lesen, Schlafen, und sie werden so zum Speicher von energetischen Zust\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicole Wendel: F\u00fcr mich ist die ganzheitliche sinnliche Wahrnehmung wesentlich. Ich lausche also nicht nur mit den Ohren, sondern mit dem ganzen K\u00f6rper, dem Geist und der Seele. Das Zuh\u00f6ren l\u00e4sst Inhalt und Form entstehen. Der Klang spielt sich dabei im Raum meines K\u00f6rper und im Raum, den wir teilen ab. Deshalb betrachte ich meine performativen als auch zeichnerischen Arbeiten als Echtzeit-Kompositionen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lines Fiction: Und wo liegt f\u00fcr euch das Spannende im Moment des Zeichnens vor Publikum?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Katja Pudor: Das Unmittelbare einer Performance ist das Spannende und auch das Aufregende. Jede meiner Handlungen ist f\u00fcr den Zuschauer zu sehen, und meine Konzentration ist immens.<\/p>\n\n\n\n<p>Stella Geppert: Spannend ist f\u00fcr mich, wenn es sich nicht um einen erkennbaren Zeichnungsprozess im traditionellen Sinne handelt, sondern die Performances sich mit zutiefst menschlichen Bed\u00fcrfnissen der Kommunikation verbaler und nonverbalen Art besch\u00e4ftigt und heilende bis emphatische Momente ausl\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicole Wendel: Es ist vor allem das Entstehen aus der momentanen Wahrnehmung heraus. Das Generieren von Spuren, die ich in diesem Falle auch als Zeichnung oder Abreibung verstehe, ist dabei die direkteste Verbindung zu dem, was gerade passiert ist. Es entstehen f\u00fcr mich lesbare Referenzen, die von Lebendigkeit, Begegnung, Verbindung, Kommunikation und dem Leben selbst erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lines Fiction: Was bedeutet euch dabei der Umgang mit Zeit und dem Zeichenprozess?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nicole Wendel: Zeit und Dauer sind wichtige Aspekte f\u00fcr die Komposition oder Dramaturgie. Meine Performances dauern meist 40 Minuten. Das hat sich f\u00fcr die Konzentration der Performerin und der G\u00e4ste gut bew\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Katja Pudor: Ich habe versucht Formate zu finden, die sich nicht um performance &#8211; taugliche Zeitfenster k\u00fcmmern und habe mehrteilige Performances konzipiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Stella Geppert: Die Dauer in meinen Performances wird zuerst \u00fcber die dem K\u00f6rper innewohnenden Prozesse bestimmt. Hier spielt allem voran die Atmung ein gro\u00dfe Rolle, aber auch das Gleichgewichtsorgan, die Zeitlichkeit von Resonanz im K\u00f6rper und im Raum, sowie die biologischen Rhythmen der Organe. In der Performance ist mir eine durch Empathie sich langsam aufbauende kommunikative R\u00e4umlichkeit sehr wichtig. Meine Performances dauern daher von 18 Minuten bis zu 6 Stunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicole Wendel: Ich denke gerade auch viel \u00fcber l\u00e4nger andauernde Performances nach, weil das Entstehen eines bestimmten Momentums aus einem Kontinuum folgt, was wiederum Zeit braucht. Manchmal ist es gut, diesem Kontinuum l\u00e4nger zu folgen, um noch mehr in die Tiefe gehen zu k\u00f6nnen. Oder auch das Warten als Grundlage f\u00fcr das Entstehen von Neuem und Unbekannten zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lines Fiction: Wie seid ihr \u00fcberhaupt zu eurem Verfahren gekommen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nicole Wendel: F\u00fcr mich war das gestische und spontane Zeichnen schon immer eine Praxis, die ich bereits vor meinem Kunststudium durch meinen damaligen Bauhaus-inspirierten Zeichenlehrer kennenlernte. Er verband somatische \u00dcbungen, wie Atem- und H\u00f6r\u00fcbungen mit dem Zeichnen. Dieser Zugang erm\u00f6glichte mir einen intensiven Kontakt zu der Verbindung meines K\u00f6rpers mit zeichnerischen Vorg\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stella Geppert: Zur Bildhauerei bin ich durch den Tanz gekommen, den ich in Paris durch Saburo Teshigawara auf elementarer Weise miterlebt habe. Als performative Bildhauerin entwickle ich wie bei jeder Formentwicklung spezifische Verfahren. Wie eine zeichnerische Form entsteht, ist Teil der inhaltlichen Arbeit. Mit jeder Performance entwickle ich eine spezifische bildhauerische als auch t\u00e4nzerische Methode.<\/p>\n\n\n\n<p>Katja Pudor: Bei mir entstand die Performance mit der Installation. Ich wurde immer wieder zum Ausstellen einer Installation eingeladen, die sich jeweils aus meinem Fundus speiste. Es gab jedoch meist kein Budget, um die Papierarbeit zu transportieren. Da habe ich meine Arbeit den Bedingungen angepa\u00dft. Ich habe Papier in den Ausstellungsraum liefern lassen und die Arbeit dann direkt vor Ort entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicole Wendel: Meine heutigen Performances sind stark durch die langj\u00e4hrige Erfahrung von Tanzimprovisation im zeitgen\u00f6ssischen Tanz gepr\u00e4gt. F\u00fcr mich entsteht heute jede Form von Zeichnen aus einem direkt empfundenen Impuls und der Wahrnehmung der Bewegungsdauer heraus.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lines Fiction: Was ist schlussendlich das wesentliche Ergebnis eures k\u00fcnstlerischen Verfahrens &#8211; die aktuelle Performance, die Zeichnung oder die filmische Aufzeichnung?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Katja Pudor: Die Performance und die Zeichnung sind gleichberechtigte Arbeitsformate. Die Zeichnung ist der Ausgangspunkt f\u00fcr ein performatives Vorgehen. Aber im letzten Jahr hat sich meine Arbeitspraxis ver\u00e4ndert: die \u00fcber mehrere Tage oder Wochen entstandene Zeichnung wird im Ausstellungsraum final installiert. Dann ist sie eine eigenst\u00e4ndige Zeichnung. Auf die zuvor geschehene Performance wird lediglich in der Werkangabe verwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicole Wendel: Es gibt Zeichnungen und Filmaufzeichnungen, die aus Performances entstanden sind. Diese Zeichnungen lassen sich hinterher auch ohne die Performance, quasi als eigenst\u00e4ndiges Werk, erfahren und lesen. Es ist f\u00fcr mich wichtig, dass sie wiederum in einem weiteren Prozess als Installation mit und an einem neuen Ort positioniert werden. Man kann dies auch als einen weiteren Schritt der Komposition verstehen, der \u00fcber die urspr\u00fcnglich statt gefundene Performance hinausgeht und sich durch die neuen Gegebenheiten erweitert.<\/p>\n\n\n\n<p>Stella Geppert: Bei mir h\u00e4ngt das ganz von dem k\u00fcnstlerischen Konzept der Performance ab. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Lines Fiction: Ist also die entstandene Zeichnung ein eigenst\u00e4ndiges Ergebnis oder ist sie nur in Verbindung mit der erlebten Performance oder der filmischen Aufzeichnung zu sehen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nicole Wendel: Wie bereits erw\u00e4hnt, hat die Zeichnung f\u00fcr mich einen eigenst\u00e4ndigen Werkcharakter. Grunds\u00e4tzlich erschlie\u00dft sich die Qualit\u00e4t einer Zeichnung gerade aus dem Speichern, Aufzeichnen und Niederschreiben einer Bewegung. F\u00fcr mich ist eine Zeichnung, die dies vermittelt, lebendig. Und das sind f\u00fcr mich definitiv auch die Zeichnungen, die w\u00e4hrend einer Performance entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stella Geppert: Die Zeichnung ist eigenst\u00e4ndig und zugleich Dokumentation der Handlung selbst. <\/p>\n\n\n\n<p>Katja Pudor: Die entstandene Zeichnung, oder auch Teile daraus, k\u00f6nnen nach der Performance eigenst\u00e4ndige Arbeiten werden. Die Zeichnung verbleibt auf dem Boden oder als Objekt im Ausstellungsraum, oder sie wird direkt nach der Performance im Ausstellungsraum an der Wand installiert. Die filmische Aufzeichnung meiner Performance nutze ich, um meine Arbeit zu dokumentieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Stella Geppert: Die Videoarbeiten sind bei mir auch zumeist als eigenst\u00e4ndige Installationen konzipiert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lines Fiction: Ihr arbeitet mit Partnerinnen oder T\u00e4nzern. Wie sehr tragen sie zum Entstehen und Gelingen der Performance bei, und welchen Anteil haben sie am Ergebnis?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Stella Geppert: Ich hatte 2020 das gro\u00dfe Gl\u00fcck in einem Kollektiv von Choreograf:innen zu arbeiten und inzwischen finden T\u00e4nzer:innen mich, oder noch sch\u00f6ner gesagt, &#8222;wir finden uns&#8220;. Ich erz\u00e4hle von meinen Ideen, der existenziellen Notwendigkeit des Ausdrucks, die ich immer kollektiv denke. Die von mir konzipierten K\u00f6rperkonstruktionen sind der Ursprung, und geben den Rahmen des Bewegungspotentials vor. Meine Aufgabe ist es, spezifische Handlungen und Bewegungsabl\u00e4ufe der Dynamik des Kollektivs anzupassen. Wenn ich die choreografische Arbeit gut vorbereitet habe, dann entsteht sie von selbst<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Katja Pudor: Es gibt Projekte, die ich als Solo Performance plane und es gibt Performances, wo ich mit T\u00e4nzer:innen, Musiker:innen und Komponist:innen oder auch mit Performer:innen arbeite, die aus der Bildenden Kunst kommen. Wenn ich eine K\u00fcnstlerin oder einen K\u00fcnstler f\u00fcr ein gemeinsames Projekt interessant finde, frage ich sie an, danach gibt es ein Gespr\u00e4ch. Das ist die Er\u00f6ffnung f\u00fcr einen Arbeitsraum in dem sich etwas Gemeinsames entwickeln kann. Wir sind im Prozess der Performance gleichberechtigt. <br>In meiner kollaborativen Arbeitspraxis gab es allerdings, neben vielen bereichernden Ereignissen, auch f\u00fcr mich verst\u00f6rende Abl\u00e4ufe, die mich an Scheitern denken lie\u00dfen und mich dazu bewogen, fortan nur noch Solo Performances zu konzipieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicole Wendel: In all den Performances, die ich zumeist nicht solo gemacht habe, w\u00e4re die Arbeit nicht da, wenn es die Partnerin oder den Partner nicht gegeben h\u00e4tte. Das Zusammenwirken konstituiert die Arbeit entscheidend. Und genau die Verbindung, die Beziehung zueinander pr\u00e4gen die jeweiligen Performances und ihre Atmosph\u00e4re. Zu all meinen Kollaborateur:innen hatte und habe ich ein sehr vertrautes Verh\u00e4ltnis und gerade dieses Vertrauen wird auch in der Performance sp\u00fcrbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lines Fiction: Performance Art hat sich ja seit ihrer Entstehung in den 1960er Jahren immer wieder neu definiert. Was zeichnet f\u00fcr euch eine Performance aus? 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