Simona Koch

Linesfiction: Deine Kunst bewegt sich thematisch und forschend auf den verschiedensten Gebieten, von Genealogie bis zu Lebenswissenschaften. Zuerst habe ich dich über dein Buch „Organisms“ kennengelernt, da lässt du Naturwissenschaftler/innen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen mit Philosophen zu Wort kommen und stellst parallel deine künstlerische Herangehensweise vor. Wie siehst du die Möglichkeiten der Kunst mit Wissenschaft zusammenzuwirken?

Simona Koch: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Wissenschaftler durchaus interessiert sind am Austausch mit Künstlern. Es sind zwei Welten, die sich gegenseitig befruchten können. Als Wissenschaftler ist man in seiner Arbeit sehr eingeschränkt und muss Behauptungen die man trifft auch belegen. Dafür erlangt man ein sehr tiefgreifendes Wissen auf seinem Gebiet. Der Künstler hat die Möglichkeit zu forschen und gleichsam spekulativ und spielerisch Behauptung aufzustellen, die Sichtweisen auf ganz neue Aspekte eröffnen. Wenn beide Bereiche zusammenarbeiten ergeben sich wunderbare Synergien.

Linesfiction: Kunst als Forschung hat der Künstler Florian Dombois in seinem Manifest von 2006 geprägt und entwickelt das Thema weiter, das Projekt WissensArten von Sybille Anderl lässt Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen zu einem gemeinsamen Thema zu Wort kommen, und die Schering Stiftung in Berlin zeigt künstlerische Ausstellungen an der Schnittstelle zu den Naturwissenschaften. Findest du mit deinen Themen heute mehr Anklang als noch vor geraumer Zeit?

Simona Koch: Es ist noch heute so, dass einige Besucher in Ausstellungen meine Arbeiten eher als wissenschaftlich, denn als künstlerisch verstehen. Aber in der großen Welt der Kunst ist der Artistic Research ja mittlerweile eine bekannte Kategorie, wenn auch in anderen Ländern mehr gefördert als in Deutschland. Möglicherweise hat dies auch mit der zunehmenden Akademisierung der Künste zu tun.
Ja, ich denke, dass diese Art des Arbeitens auf zunehmend breiter werdendes Interesse stößt.

Linesfiction: Deine Arbeiten der Reihe ORGANISMUS umfassen Phänomene des Lebendigen als künstlerische Übersetzung in Zeichnung und Animation. Sehr faszinierend fand ich Organism 4 / Fungi, kaum jemand weiß, dass das vielleicht größte und vielleicht älteste Lebewesen der Welt ein Pilz in den USA ist…

Simona Koch: Ja, ein sehr faszinierendes Wesen! Allerdings ist es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das größte Lebewesen der Erde – nur das größte, das bisher gefunden wurde. Es dürfte noch sehr viele solcher Riesenorganismen geben, die wir aber nicht finden, weil wir nicht danach suchen. Der Humongous Fungus in Oregon wurde zufällig entdeckt, als man bei abgestorbenen Bäumen die DNA des Parasiten testete und dabei herausfand, dass sie auf der ganzen Fläche von etwa 8 km² die gleiche ist.
Auch Organismen wie Bambus und Heidelbeeren sind an der Erdoberfläche als einzelne Pflanzen sichtbar, entstammen aber dem riesigen Gewirr von unterirdischer Biomasse eines einzigen Organismus. Dieser Aspekt hat mich sehr interessiert: Ein Wesen, das ein einzelnes Individuum zu sein scheint, in Wirklichkeit Teil eines größeren Ganzen ist.

Das ältestes Lebewesen ist es jedoch nicht. Soweit ich weiß ist das aktuell älteste gefundene Tier ein Schwamm von etwa 10 000 Jahren. Das älteste Lebewesen dürfte aber ein Bakterium sein, das zufällig bei Bohrungen in Mexiko gefunden wurde … es ist faszinierende 250 Millionen Jahre alt!
Außerdem gibt es noch ein Lebewesen, das als unsterblich angesehen wird. Es handelt sich um eine kleine Quallenart (Turritopsis dohrnii). Laut Craig Schmidt, einem Pflanzenpathologen, der Armillaria in Oregon erforscht hat, könnte auch der Humongous Fungus unsterblich sein, da seine Zellen sich ständig selbst erneuern. Sein geschätztes Alter liegt bei 2500 Jahren. Auch das Thema der Unsterblichkeit finde ich künstlerisch extrem spannend! In meinen Arbeiten über Stammbäume und Fortpflanzung habe ich eine Animation erstellt (ERBE – Paarung / Teilung), bei der die Menschen selbst Teil eines Gewächses sind und aus jedem Individuum der Ahnenreihe, die Nachfahren heraus sprießen und zu einem neuen Teil des Gewächses werden.

Linesfiction: Da du nicht lediglich wissenschaftliche Ergebnisse in deinen Installationen, Zeichnungen und Animationen dokumentierst: Kannst du dein künstlerisches Konzept zu Wissenschaft und Forschung beschreiben – welche besonderen Sichtweisen ergeben sich?

Simona Koch: Ich glaube fast, mein Konzept ist, dass es kein Konzept gibt. Wenn ich auf einen Aspekt stoße, der mich interessiert bleibt er oft sehr lange in mir in Bewegung – ich denke darüber nach, recherchiere, mache Zeichnung und Skizzen, spreche mit anderen Menschen darüber. Und irgendwann kann daraus eine konkrete Arbeit entstehen. Verschiedene Themengebiete treffen aufeinander und vermischen sich, und doch geht es in den meisten meiner Arbeiten um Wachstum, um das Lebendige und darum, welches unsichtbare Gewebe die Welt zusammenhält.

Website en-bloc.de und Organismus 4
Website Projekt Organism 4 / Fungi

ABIOTISMUS 4 / Körper 1 , 2014
Animation mit Platilin
ABIOTISM 4 / Body 1
Plasticine animation
01:22 Min / loop,
mute

Animation in großer Auflösung (Flash)
Animation in high resolution (Flash)

Animation für WLAN, iPhone, iPad
Animation for WLAN and mobile devices

simona koch
ORGANISM 9 Nr.8; Drawings/Mixed Media, 2013

 

simona koch
Part of the project ORGANISM 4 / Fungi

 

ABIOTISMUS 1 / Zyklus – Blut
ABIOTISM 1 / Cycle – Blood
, 2012
Animated pencil drawing
00:03 min / loop
mute

Animation in großer Auflösung (Flash)
Animation in high resolution (Flash)

Animation für WLAN, iPhone, iPad
Animation for WLAN and mobile devices

simona koch
Filmstill of the Animation: ORGANISM 8 / Growing Nr.3, 2014

 

simona koch
ABIOTISMUS 5 Nr.77; Drawings/Mixed Media, 2014