Hanna Nitsch

Lines Fiction: in deinen Zeichnungen und Collagen geht es um emotionale Signale, die nicht ohne weiteres in Worte zu fassen sind. Deine nicht figurativen Zeichnungen lassen sich wie Muster dieser Energien betrachten. Stellen sie für dich Kommentare dar oder sind sie eine Auseinandersetzung mit dem Zeichnen selbst?

Hanna Nitsch: Ich beschäftige mich schon seit einigen Jahren mit emotionalen zwischenmenschlichen Zuständen, die ich versuche in Bilder zu übertragen, aber auch mit emotionalen Zuständen, die Bilder selbst auslösen können. Dabei ist die Zeichnung meiner Meinung nach der direkteste Weg. Zwischen einem Gefühl und einem Bild liegt sozusagen nur deine Hand, ein Stift und ein Blatt. Das Bild aber ist ein sehr komplexes Netzwerk aus simultanen Abhängigkeiten und Verflechtungen, Konstruktionen und illusionistischen Kodierungen.
Nehmen wir an, Emotionen und ihre Kodierungen folgen bestimmten Mustern, so zeigen sie sich im Bild über vier Wirkungsmechanismen:
Form und Farbe, Fläche und Linie.
Bei meinen Collagen habe ich mich zunächst auf die Basisemotionen konzentriert wie z.B. Liebe oder Trauer, also leicht verständliche und sofort erfassbare emotionale Zustände. Die “Hauptrolle” übernimmt hier, wie in vielen meiner anderen Arbeiten, meine jüngste Tochter Elisabeth. Sie spielt meinen jungen “Alter Ego”, eine Art Avatar, der stellvertretend für mich als Künstlerin agiert.

Als die Collage fertig war, habe ich angefangen, meine eigene Arbeit noch einmal zu untersuchen, und zwar über die Zeichnung. Die abstrakten Zeichnungen sind demnach weniger ein Kommentar sondern eher das Ergebnis einer “Untersuchung”, eine emotionale Dekodierung. Ich habe verschiedene Konstruktionsschemata verwendet, z.B. den Villiardschen Teilungskanon, ein frühgotisches Schemata basierend auf Koordinaten, Diagonalen und Symmetrien, aber auch den Goldenen Schnitt oder das Himmlische Mysterium von Jakob Böhme. Es entsteht sozusagen ein Modell der Konstruktion von Emotionen im Bild. Man kann diese zeichnerischen Muster tatsächlich wie Energieströme lesen, die sich vom Ausgangsbild loslösen und verselbständigen. Denn es geschieht etwas beim Zeichnen, das sich nicht gut erklären lässt. Es etabliert sich eine neue Form, ein zweites Bild unter dem ersten. Die Instabilität des Einen ermöglicht das Hervortreten des Anderen. Daher bergreife ich gerade diese Arbeiten auch als eine Auseinandersetzung mit dem Zeichnen an sich.

Lines Fiction: Die Animation Kissing David Beckham zeigt die Collagen und Zeichnungen in Bewegung und bringen die Emotion Codes ins Fließen. Wie fügt die Animation deiner Auseinandersetzung eine weitere Dimension hinzu?

Hanna Nitsch: Der wichtigste Aspekt, der mich dazu veranlasst hat, mich mit der Animation zu beschäftigen, ist der zeitliche. Im “stehenden” Bild geschieht alles simultan und Zeit spielt keine Rolle.
Nachdem ich die Collagen “untersucht” hatte und die Zeichnung losgelöst daneben stand, war ein festes Muster von emotionalen Energieströmen entstanden. Aber wie das Wort Strom schon impliziert, geht es ja eigentlich auch um Bewegung, also um das Fließen.
Die Animation bietet mir die Möglichkeit, diese Bewegung darzustellen und den zeitlichen Aspekt mit einzubeziehen. Es ermöglicht mir, eine zusätzliche Dimension zu etablieren, die für Emotionen ja auch grundlegend ist: Bewegung und Veränderung. Dieses “Ineinanderübergehen” und Ablösen von einer Form in die nächste ist für mich nur über das Bewegtbild darstellbar.

Lines Fiction: In einer Diskussionsrunde habe ich erlebt, dass ein Zuschauer das Betrachten von Zeichnungen den bewegten Bildern vorzog, da Animationen mit ihrer unbedingten Richtung dem Blick weniger Freiheit bieten. Die jüngeren Betrachter kennen dieses Unbehagen weniger.
Von dir würde ich da gerne etwas über deine deine Entscheidung erfahren:
In der Ausstellung sieht man Collage und Zeichnung Seite an Seite, und du überlässt du es den Betrachtern, ihre eigene Geschwindigkeit im Erkennen des Zusammenspiels zwischen beiden zu finden. Die Animation mit ihren Überblendungen ist da zwingender.
Zeigst du denn im Projekt Kissing David Beckham beides, Arbeiten auf Papier und Animation im selben Raum? Oder sind die Geschwindigkeiten der Wahrnehmung unvereinbar?

Hanna Nitsch: Ja, im selben Raum. Ich lasse dem Betrachter da völlige Freiheit, was er sich zuerst oder sogar gar nicht ansieht, aber ich mute ihm auch beides zu. Im Grunde sind in Kissing David Beckham ja auch beide Dimensionen wichtig und bedingen sich gegenseitig. Es ist dann auch gar nicht mehr ganz klar, was zuerst war, der “Film” oder das “stehende Bild”. Rein theoretisch könnten Collage und Zeichnung ja auch Standbilder aus dem Film sein. Das Betrachten der Collage/Zeichnungs-Paare konzentriert sich auf die Gegenüberstellung von Collage und abstrakter Zeichnung. Da hat das Auge schon einiges zu tun. Aber die Verbindung der einzelnen Energiemuster zu einem Energiefluss zeigt sich erst im Betrachten der Animation. Das erfordert natürlich die Bereitschaft sich auf einen Rhythmus einzulassen, der dem eigenen womöglich nicht entspricht, zumal in der Animation ja auch Sound dabei ist, verschiedene Herzschläge, die sich im Laufe der Animation überlagern und ablösen und dadurch sehr rhythmisch erscheinen. Allerdings zeige ich die Animation nicht groß an die Wand projiziert – zwar schon zentral, aber in bescheidenen Ausmaßen (z.B. auf einem normalen Monitor). Auch ist der Ton ist nicht überlaut, wenn auch deutlich zu hören.

hannanitsch.de

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Kissing David Beckham
Collage, Drawing and Animation
3:43 min.
Sound

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Animation in großer Auflösung
Animation in high resolution

Animation für iPhone, iPad
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Zeichnung

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Kissing David Beckham

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Jesus

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David Bowie

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