Gagan Singh

 

Lines Fiction: Du lebst als Zeichner in New Delhi, Indien und filmst deinem Zeichnungsprozeß vor Ort in der Stadt mit dem Smartphone. Die Bilder sind in schwarz-weiß, ungeschnitten rauh, und wir hören die Geräusche der Straße. Siehst du die Stadt als dein Studio an?

Gagan Singh: Während ich diese Antwort schreibe denke ich darüber nach, wie ich zu dieser Arbeitsweise kam. Ich habe es immer als konfliktreich angesehen, in meinem Studio zu sitzen und habe Zeichnen dort als etwas Langweiliges empfunden. Aber sowas Langweiliges kann auch wieder die Möglichkeit zur Diskussion eröffnen. Ich liebe es, durch das Straßengewirr der Stadt zu wandern, und ich genieße es zu laufen. Zu Fuß zu gehen gibt mir die Energie zu verstehen, was gerade passiert.

Und ebenso wie meinen Zeichnungsprozeß mag ich die Dinge lächerlich simpel, beinahe dumm und lasse sie einfach sein…Für den Moment arbeite ich mit Schwarz/Weiß-Bildern, ich finde es interessant, Umrisse, Töne, Kontraste und eben keine Farben zu sehen.

Das Mobilfon mit sich zu tragen ist einfach, Indien entwickelt allgemein den Trend zum Smartphone. Ich habe es mit Fotografie probiert, wurde aber von der ständigen Bewegung überall zum Video verführt. Den Prozeß fand ich aufregender.

Momentan versuche ich, herauszufinden, was Zeichnung, Video und Animation ausmacht. Ich möchte singen, Geräusche wahrnehmen, auf unterschiedlichsten Oberflächen zeichnen und dann mit dem ganzen Geschehen spielen.

Nach meinem letzten Projekt möchte ich zukünftig meine Performances in einer Installation integrieren. Daran arbeite ich noch.

Die Stadt als Studio bedeutet eben auch, mit Beobachtungen zu arbeiten, Momente mit einzuarbeiten, ich sehe das als Erweiterung meiner Zeichnung. Ich sitze im Cafe mit einem kleinen Zeichenblock, und das Mobilfon lässt mich diskret meine Aufzeichnungen von kleinen Markierungen an unterschiedlichen Orten machen. Irgendwie möchte ich das noch ausweiten und ich kann mir vorstellen, dass ich dafür noch viel mehr durch die Stadt wandere.

Lines Fiction: Dein Nachname Singh weist auf deine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Sikhs hin. Nährt deine Weltanschauung die philosophische Sicht auf deine Kunst, deine Wahrnehmung im Raum?

Gagan Singh: wenn ich hier auf die Religion eingehe – Sikhismus beeinflußt sicherlich meinen Sinn für Philosophie und meine Sicht auf die Welt. Ich zeichne mich gerne selbst und bewahre immer einen gewissen Respekt, wenn ich mich mit dem traditionellen Turban zeichne. Wenn du die Wahrnehmung, den Raum ansprichst, dann bildet die Philosophie meiner Religion die Basis für mich. Das merke ich oft. Ich meine, wie ich sehe und plane hängt damit zusammen, wie Religion meine Wahrnehmung geprägt hat.
Wenn ich eine Straße sehe, ein Tor, einen Weg, Natur, eine Passage, Zeit, Leben, Sinn für Humor, Ärger usw. und all die Komplexität des Lebens betrachte, dann sind meine Zeichnungen in Übereinstimmung mit meiner Überzeugung. Die Religion, mit der ich aufgewachsen bin, wird anhand dieser Situationen stets geprüft. Da der Zeichenprozeß immer von diesen Situationen handelt besteht auch immer eine Verbindung.

Lines Fiction: Neben deiner Zeichnung in der offenen Stadt hast du auch Pläne für einen Projektraum. Siehst du ihn als Ort für deine eigenen Arbeiten oder wirst du dort andere Künstler/innen präsentieren?

Gagan Singh: ich arbeite an einem Plan für RIDS ( research in drawing space), und er ist als Ort für all gedacht, die sich mir Aspekten der Zeichnung auseinandersetzen. Es wird ein online / offline space sein, der den Dialog unter denen, die sich für Zeichnung interessieren, fördern soll.

www.gagansingh.net

Dokumentationen von Projekten im Innen- und Außenraum
Art as a Place
Exercises in Drawing